Ärzte Zeitung online, 07.07.2008

Konferenz "Ernährung und Bewegung" fordert Aktionen

ROSTOCK (dpa). Immer mehr Kinder sind zu dick und bekommen Diabetes, immer mehr Erwachsene bewegen sich zu wenig. Für die Folgen müssen bis zu 70 Milliarden Euro aufgebracht werden. Ab morgen tagen 700 Experten in Rostock und beraten über Lösungen und stellen ein Pilotprojekt vor.

Die Fakten sind beängstigend: 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind zu dick, die Zahl an Diabetes erkrankter Heranwachsender steigt wie bei keiner anderen Krankheit. Die volkswirtschaftlichen Kosten von Fettsucht und ihren Folgeerkrankungen belaufen sich auf bis zu 70 Milliarden Euro. 30 Prozent der Erwachsenen bewegen sich zu wenig oder gar nicht mehr, so jüngst Verbraucherminister Horst Seehofer (CDU). "Diese Zusammenhänge und die Folgen für die Gesundheit der Menschen und die Lebensqualität sind längst bekannt. Wir müssen endlich beginnen, dieses Wissen umzusetzen." Mit diesen Worten steckt der Vorsitzende des Kuratoriums Gesundheitswirtschaft in Mecklenburg- Vorpommern, Horst Klinkmann, die Ziele für die 4. Branchenkonferenz zum Thema "Ernährung und Bewegung" in Rostock klar ab. Die Konferenz am Dienstag und Mittwoch, zu der sich rund 700 Experten angemeldet haben, soll nicht mit Absichtserklärungen enden, sondern der Politik und Gesellschaft klare Handlungsvorschläge unterbreiten.

Für diese Anstrengungen gibt es auch dringenden Bedarf. Deutschland entwickle sich zum weltweiten "Dicken-Spitzenreiter", sagt Kongresspräsident Klinkmann. Im steten Bemühen, Deutschlands "Gesundheitsland Nummer 1" zu werden, bemüht sich Mecklenburg-Vorpommern um eine Führungsrolle bei der gesunden Ernährung von Kindern und Jugendlichen. Dafür gibt es allen Grund: Der Nordosten hatte dem Statistischen Landesamt zufolge im Jahr 2005 bundesweit den höchsten Anteil an Dicken und Rauchern. Laut anderen Statistiken führt der Nordosten auch die Tabelle beim Alkoholkonsum an.

In Rostock soll nun ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt vorgestellt werden. Darin soll der Blick von Kindern und jungen Erwachsenen vom Kindergarten bis zum Abitur auf den Komplex Ernährung und Bewegung geschärft werden, sagt der frühere Medizinprofessor Klinkmann. In der Region Sanitz östlich von Rostock sind bereits Schulen und Kitas gefunden. Möglichst noch in diesem Jahr soll es losgehen, der Etat für viele Jahre liege im Millionen-Euro-Bereich. "Wir brauchen einen langen Atem", sagt Klinkmann.

Das Programm von der Bereitstellung von Gesundheitsmenüs bis hin zur Fortbildung der Pädagogen liege vor. Alle Beteiligten sitzen bereits im Boot. Die drängende Frage ist, in welchem Umfang die Eltern mit einbezogen werden können. Ernährungsgewohnheiten hängen stark vom sozialen Stand, dem Familieneinkommen und Bildungsstandard ab, "wenn zu Hause nichts geht, geht gar nichts", sagt Klinkmann.

Auf die Bedeutung der Früherziehung macht auch der Chef der Rostocker Orthopädischen Uniklinik, Professor Wolfram Mittelmeier, aufmerksam. Schlechtes Sitzen, ungünstige, asymmetrische oder eintönige Bewegungen führten zu Fehlentwicklungen der Wirbelsäule, es fehlt die Muskulatur. Früher Verschleiß an den Bandscheiben und den kleinen Wirbelgelenken der Jugendlichen sind zu erwarten. "Sie hängen in den Bändern, es kommt zur typischen "Taschencomputer-Haltung". Untrainierte Erwachsene machen zudem viel kaputt, wenn sie versuchen, mit hoher Belastung im Fitness-Studio oder beim Extremsport die fehlende regelmäßige Beanspruchung auszugleichen.

Abhilfe schaffen könnten dagegen bessere Sitze in Schulen und möglichst tägliche Sportübungen mit der speziellen Schulung von Koordination und Haltung - nicht nur in den Schulen, sondern auch im Arbeitsleben. "Wir brauchen ein Umdenken in der Bevölkerung, damit wir mit unseren Gelenken im Alter noch leben können". Andernfalls sei zu befürchten, dass die heutigen Kinder aufgrund ihrer Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten eklatante Probleme bekommen werden.

Stichwort: Gesundheitswirtschaft

   Die Gesundheitswirtschaft ist die größte deutsche Wirtschaftsbranche. 4,6 Millionen Menschen arbeiten hier und erzielen Umsätze von mehr als 250 Milliarden Euro. Sie umfasst einen Kernbereich der ambulanten und stationären Versorgung in Kliniken, Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen, Arztpraxen und den Praxen nichtärztlicher medizinischer Berufe, Apotheken sowie alle Pflegeeinrichtungen. Dazu kommen Industrien wie Pharmazeutische Industrie, Medizintechnik, Biotechnologie, das Gesundheitshandwerk und der Handel mit medizinischen Produkten. Dazu zählen auch Dienstleistungen aus Nachbarbranchen wie Gesundheitstourismus, Wellness oder gesundheitsbezogene Sport- und Freizeitangebote.

(Quelle: Institut Arbeit und Technik Gelsenkirchen; www.iatge.de)

Informationen zur Konferenz in Rostock: www.konferenz-gesundheitswirtschaft.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Was neue Onkologika den Patienten tatsächlich bringen

Ist das Glas halb voll oder halb leer? Neue Onkologika haben die Überlebenszeit von Krebspatienten in den vergangenen zwölf Jahren im Schnitt um 3,4 Monate verlängert. Dieser Vorteil geht oft zulasten der Sicherheit. mehr »

Kassen und KBV drücken aufs Tempo

Bisher trat die Selbstverwaltung bei der Digitalisierung eher als Bremser auf. Bei den Formularen geben KBV und Kassen jetzt Gas: Im Juli kommt der digitale Laborauftrag. mehr »

"Auch mit Kind zügig möglich"

Eine Weiterbildung, die auch mit Elternzeit nur sechs Jahre dauert? Das ist möglich, sagt Dr. Sandra Tschürtz. Die angehende Allgemeinmedizinerin steht vor ihrer Facharztprüfung – und blickt auf ihre Zeit in einem Weiterbildungsverbund zurück. mehr »