Ärzte Zeitung online, 23.10.2008

Neuer Wirkstoff gegen Übergewicht - Markttauglichkeit fraglich

LONDON/KOPENHAGEN (dpa). Ein neues Mittel gegen Übergewicht wirkt einer dänischen Studie zufolge doppelt so gut wie derzeit erhältliche Medikamente. Der Wirkstoff Tesofensin unterdrücke Hungergefühle im Gehirn, so die Forscher um Dr. Arne Astrup von der Universität Kopenhagen.

Probanden einer Studie hätten etliche Kilogramm abgenommen. Der Ernährungsmediziner Dr. Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim warnte jedoch vor überzogenen Erwartungen: "Das ist eine hoffnungsvolle Nachricht, die aber mit großer Vorsicht zu genießen ist", sagte er. "Ein wirklich wirkungsvolles Medikament ohne große Nebenwirkungen ist schon oft versprochen worden, das Versprechen wurde aber bisher nie gehalten." Ob Tesofensin jemals auf dem Markt kommt, steht noch nicht fest.

Die dänischen Wissenschaftler hatten in einer Versuchsreihe 203 übergewichtige Patienten untersucht

Die dänischen Wissenschaftler hatten in einer Versuchsreihe 203 übergewichtige Patienten untersucht, die im Durchschnitt mehr als 100 Kilogramm wogen. Ein Viertel der Patienten erhielt 24 Wochen lang täglich ein wirkungsloses Placebo, jeweils 50 Patienten drei unterschiedliche Mengen Tesofensin. 161 Patienten beendeten die sogenannte Phase II-Studie, die eine Diät ("Lancet" online vorab, Premiumbereich).

Patienten der Placebo-Gruppe hatten durchschnittlich 2 Kilogramm Gewicht verloren, die mit Tesofensin behandelten je nach Dosis 7, 11 oder 13 Kilogramm. Dies entspreche einer Verdopplung des Gewichtsverlusts verglichen mit den Wirkstoffen Sibutramin und Rimonabant, schreiben die Forscher. Zu den Nebenwirkungen hätten Übelkeit, Verstopfung, Schlaflosigkeit, Durchfall und Trockenheit im Mund gezählt.

Tesofensin wirkt zentral im Gehirn

Für Medikamente gegen Übergewicht gebe es besonders hohe Sicherheitsansprüche, erklärte Bischoff. Bisher habe kein einziges wie Tesofensin zentral im Hirn wirkendes Mittel diese Anforderungen erfüllt. Der Wirkstoff blockiert nach Forscherangaben die Aufnahme Hunger auslösender Botenstoffe im Hirn. "Da sind schon viele Hoffnungen geweckt worden, die sich rasch nivelliert haben." So seien Appetitzügler wegen ihres Suchtpotenzials aufgefallen. Ein anderes Mittel löse Depressionen aus. Das Mittel sei zwar noch auf dem Markt, in den USA gebe es nach mehreren Suiziden aber schon Diskussionen um die Zulassung.

Für Tesofensin gelte es nun, eine weitere Untersuchung (Phase III-Studie) mit sehr vielen Patienten abzuwarten, bevor die Tauglichkeit beurteilt werden könne.

Tesofensin ist kein speziell gegen Übergewicht entwickelter Wirkstoff. Er wurde bisher bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten getestet. Dabei hatte sich gezeigt, dass die Patienten infolge der Einnahme abnahmen.

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