Ärzte Zeitung online, 15.12.2008

Dick und unbeweglich - Studie: Junge Berufseinsteiger wenig belastbar

KÖLN (dpa). Dass viele Kids zu dick sind, ist bekannt. Wie drastisch falsche Lebensgewohnheiten aber auch unter jungen Erwachsenen beim wichtigen Übergang in die Berufswelt verbreitet sind, zeigt nun erstmals eine Untersuchung der Deutschen Sporthochschule in Köln mit fast 13 000 Teilnehmern. Die Folgen sind für Berufseinsteiger und so manches Unternehmen besorgniserregend, betont die "Fit fürs Leben"-Studie.

Zentrales Ergebnis nach Befragung, Untersuchung und körperlichen Leistungstests der Probanden im Alter von 16 bis 25 Jahren: Falsche Ernährung, Übergewicht, Rauchen und Bewegungsmangel nehmen ab 18 Jahren noch einmal deutlich zu. "Die Untersuchungsbefunde zeigen erstmals, dass die ungünstigen Entwicklungen nach dem 18. Lebensjahr erheblich an Dynamik gewinnen", bilanziert die Sporthochschule.

So ist unter den 25 Jahre alten Männern schon jeder zweite zu dick, 60 Prozent rauchen, ein Drittel treibt nie Sport. Rund 25 Prozent der 25-jährigen Frauen haben Übergewicht, nur noch 19 Prozent sind im Sportverein aktiv, ebenfalls rund 60 Prozent rauchen. Von allen 12 835 Probanden haben drei Viertel Risiken, sich infolge ihres ungesunden Lebensstils eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zuzuziehen.

Mit sinkendem Bildungsstand wachsen die negativen Auffälligkeiten

"Dieses Problem ist gravierend für die jungen Leute, die im Übergang zwischen Schule und Beruf stehen und damit in einer entscheidenden Phase ihres Lebens", erklärt Max Wunderlich vom Kölner Wissenschaftlerteam. Mit sinkendem Bildungsstand wachsen die negativen Auffälligkeiten. Die Entwicklung sei zudem brisant für Arbeitsmarkt und Gesundheitssystem.

"Betroffen sind Berufe, bei denen ein Mindestmaß an körperlicher Leistungsfähigkeit erforderlich ist, also vor allem handwerkliche Tätigkeiten." Auch im Produktionsbereich oder etwa bei der Polizei könnten Übergewicht, mangelnde Ausdauer und Schnelligkeit zu ernsten Nachwuchsproblemen führen. "Der aktuelle Fachkräftemangel nimmt zu, auf Firmen könnte eine erhöhte Ausfallquote und eine frühere Erwerbsunfähigkeit zukommen."

Politik und Wirtschaft müssten gegensteuern, fordern die Kölner Wissenschaftler um Professor Dieter Leyk, dessen Studie über zu dicke Bundeswehr-Bewerber und deren drastisch sinkende Fitness erst jüngst für Aufsehen gesorgt hatte.

Erste Betriebe haben Wunderlich zufolge mit gezielten Bewegungs- und Ernährungsangeboten reagiert. Im Handwerk seien häufiger einzelne Fälle aufgetaucht, in denen ein Traumberuf an der Fettleibigkeit des jungen Einsteigers scheiterte, bestätigt Alexander Legowski als Sprecher des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Zahlen gebe es aber noch nicht.

In der Altersgruppe von 16 bis 25 Jahren kann Prävention nach Mediziner-Einschätzung noch sehr viel bewirken - und damit auch zusätzliche Kosten für das Gesundheitswesen verhindern. Krankheiten wegen falscher Ernährung und ungesunder Lebensweise verursachen den gesetzlichen Krankenkassen jährliche Kosten in Milliardenhöhe. Begleiterkrankungen sind neben Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungenauch chronische Rückenleiden, Skelett- und Knochenerkrankungen, Magen- und Darmkrebs sowie Karies, wie eine Sprecherin des GKV-Spitzenverbands aufzählt.

Betriebssport habe häufig noch "Turnbeutel-Charakter", bewege aber nichts, so Experten

Betriebssport habe häufig noch "Turnbeutel-Charakter", bewege aber nichts, meint der Kölner Experte Wunderlich. "Es reicht auch nicht, wenn die Betriebskrankenkasse Flyer in den Kantinen verteilt." Sport müsse Priorität an den Berufsschulen haben statt weiter gekürzt oder gestrichen zu werden. Betriebe sollten Teile der Arbeitszeit für den Sport zur Verfügung stellen. In Schulen und Berufsschulen müsse bei jedem Einzelnen mehr Bewusstsein geschaffen werden.

So hat das Team der Sporthochschule Unterrichtsmodule erarbeitet, in denen jeder genau seine Ernährung und Bewegung in Wochenplänen dokumentieren muss. Wunderlich: "Die Leute sind ja nicht absichtlich unbeweglich, falsch- oder überernährt. Es ist kaum zu glauben, wie viel Unwissenheit auch bei jungen Erwachsenen herrscht."

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