Medica Aktuell, 18.11.2010

Letzte Hoffnung Magenoperation

Extrem dicke Menschen haben es schwer: Mit den empfohlenen Diätversuchen nehmen nur wenige von ihnen dauerhaft ab. Immer mehr Betroffene suchen deshalb ihr Heil in einer Magenoperation.

Von Helga Brettschneider

Letzte Hoffnung Magenoperation

Patient mit 357 kg Gewicht: Bei extremer Adipositas ist die Magenverkleinerung eine wirksame Option.

© Prof. Rudolf Weiner

Die in die Magenoperation gesetzte Hoffnung ist nicht ganz unberechtigt. Denn klassische Maßnahmen zur Gewichtsabnahme bringen erfahrungsgemäß meist nur kleine Erfolge, die noch dazu einige Zeit danach häufig wieder dem Jojo-Effekt zum Opfer fallen.

Zudem sind stark Adipöse für die ergänzende Bewegungstherapie wegen des Risikos von Gelenkproblemen oft viel zu schwer, so Privatdozent Thomas Horbach aus Schwabach. Auf der Medica wird der Chirurg über Chancen und Risiken solcher Eingriffe berichten.

Die Magenoperation gilt dabei als besonders effektiv. Mindestens 5000 derartige Operationen pro Jahr werden mittlerweile in Deutschland vorgenommen, berichtet der Chirurg. Aber was lässt sich damit erreichen? Und wer darf unter's Messer?

Jeder fünfte Erwachsene in Deutschland ist adipös

Rund 20 Prozent der erwachsenen Männer und Frauen hierzulande sind adipös, so Horbach. Ob eine Adipositas vorliegt, zeigt der Body Mass Index (BMI).

Er ist ein Maß für das Verhältnis des Gewichts zur Körpergröße. Ein 1,80 m großer Mensch, der 98 kg wiegt, hat zum Beispiel eine Grad-1-Adipositas, weil sein BMI 30 kg/m² beträgt. Eine Grad-2-Adipositas beginnt bei einem BMI von 35 und eine Grad-3-Adipositas bei einem BMI von 40.

Adipositas ist gefährlich: Fettleibige Menschen haben häufig Krankheiten wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes (früher auch Altersdiabetes genannt), Störungen des Fettstoffwechsels, Schlafapnoe-Syndrom mit nächtlichen Atemaussetzern und Gelenkproblemen.

Veranstaltung 217

"Pro & contra: Magenoperation bei Adipösen"

Donnerstag, 18. November, 13:15 Uhr bis 14:00 Uhr, CCD-Süd , 1. OG, Raum 2

Leitung: Professor Alfred Wirth, Bad Rothenfelde und PD Thomas Horbach, Schwabach

Häufigste Magen-OP ist ein Magenbypass, bei dem nur ein kleiner Teil des Magens in Größe eines Tischtennisballs für die Nahrungsaufnahme belassen und direkt mit dem Dünndarm verbunden wird. Der Zwölffingerdarm wird umgangen. So kann der Körper aus der Nahrung weniger Zucker und Fette aufnehmen - also weniger Kalorien.

Das erleichtert nach der Operation das Abnehmen und lindert oft begleitende Krankheiten. So sinken die hohen Blutzuckerwerte von Diabetikern oft schon kurze Zeit nach dem Eingriff - und zum Teil verschwindet der Diabetes sogar.

Für eine Adipositas-Magenoperation kommen Patienten mit einem BMI ab 40 oder mit einem BMI ab 35 bei Begleitkrankheiten in Betracht. Für eine Kostenübernahme muss der Patient nachweisen, dass er bereits anerkannte Therapien ernsthaft erfolglos versucht hat. Die Krankenkassen akzeptieren zum Beispiel Weight Watchers und Metabolic Balance, wo auch die Teilnahmedauer bestätigt wird, so Horbach. Ob der Patient für die Operation gesund genug ist, entscheidet der Arzt.

Patienten verlieren meist die Hälfte des Übergewichts

Der Patient selbst muss verstehen, was gemacht wird und dass der Eingriff alleine das Problem nicht löst. In den USA prüfen die Kliniken das sogar mit Tests, bevor operiert wird. Die Patienten müssen daher auch wissen, was erreichbar ist und was nicht. Denn auch nach einer Magen-OP wird ein extrem dicker Mensch kaum zur dünnen Twiggy.

Aber Betroffene können erheblich Gewicht verlieren, bestätigt Horbach. Und die Chance, dauerhaft ein besseres Gewicht zu halten, ist hoch. So gilt es als Erfolg, wenn die Patienten nach dem Eingriff die Hälfte ihres Übergewichts verlieren - und das schaffen die meisten, betont der Chirurg.

Im Gegensatz zu den üblichen Abspeckversuchen ist darüber hinaus die Rückfallquote niedrig: Eine Auswertung von Magenbypass-Patienten nach 25 Jahren ergab, dass sie im Mittel immer noch rund 10 BMI-Punkte niedriger lagen als vor der OP - ein großer gesundheitlicher Vorteil.

Zu beachten ist aber, dass es nach einem Magenbypass später meist zu einer Mangelversorgung mit Mikronährstoffen kommt. Die Patienten brauchen deshalb lebenslang zusätzliche Vitamine, Spurenelemente und Elektrolyte. Oft ist der Eisenspiegel niedrig, oder es mangelt zum Beispiel an Vitamin D, Kalzium und Zink. Für die meisten Patienten, so Horbach, ist der zu erwartende Nutzen jedoch höher als das Risiko.

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