Ärzte Zeitung online, 30.11.2011

Wachstumshormon speckt Frauen ab

CHICAGO (gwa). Eine sechsmonatige Therapie mit Wachstumshormon wirkt dreifach positiv auf dicke Frauen: Ihre Knochen werden dichter, Bauch- und viszerales Fett schmelzen, und die Muskelmasse nimmt zu. Das belegen neue Studiendaten.

Wachstumshormon speckt Frauen ab

Radiologin Dr. Miriam A. Bredella.

© RSNA.org

Als Standardtherapie kommen Wachstumshormone bei der Indikation Adipositas zwar nicht infrage. Dennoch liefern die neuen Daten interessante und praxisrelevante Aspekte.

Denn es herrscht immer noch die Meinung, dass Adipositas - so schlecht sie auch für viele Organe ist - zumindest auf die Knochen einen positiven Effekt hat.

Denn bekanntermaßen haben etwa stark untergewichtige Frauen oder Patientinnen mit Anorexie ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche. Daran erinnerte Dr. Miriam A. Bredella, Radiologin an der Harvard Medical School in Boston bei einer Pressekonferenz beim Radiologenkongress RSNA in Chicago.

Strammes Untersuchungsprogramm

Doch in einer früheren Untersuchung hatte Bredella festgestellt, dass auch dicke Frauen ein erhöhtes Risiko für Osteoporose haben, unabhängig davon, ob sie bereits in der Postmenopause sind oder nicht.

Aus diesem Grund untersuchten Bredella und ihre Kollegen, welchen Einfluss eine Therapie mit Wachstumshormon auf die Knochendichte bei adipösen jungen Frauen hat.

79 Frauen im mittleren Alter von 36 und mit einem mittleren BMI von 35 nahmen an der placebokontrollierten Doppelblind-Studie teil.

Zunächst erhielten sie drei radiologische Untersuchungen: eine Knochendichte-Messung mittels DXA (dual-energy x-ray absorptiometry), eine Magnetresonanz (MR)-Spektroskopie zur Fettbestimmung im Knochenmark und eine CT, um Bauchfett, viszerales Fett sowie Fett und Muskelmasse im Oberschenkel zu bestimmen. Außerdem wurde unter anderem der Vitamin-D-Spiegel bestimmt.

Geringe Knochenmasse bei jeder dritten Frau

Bereits bei diesen Voruntersuchungen kam heraus, dass 32 Prozent der Frauen eine verringerte Knochendichte (Osteopenie) hatten, und eine Frau hatte eine manifeste Osteoporose. Diese Befunde nannte Bredella schockierend.

Die Frauen wurden dann per Zufallsauswahl der Verum- oder Placebogruppe zugeordnet. Sechs Monate lang erhielten die Frauen der Verumgruppe tägliche Injektionen mit Wachstumshormon in niedriger Dosierung; die Kontrollgruppe täglich Placebo, ebenfalls als Injektion.

Außerdem wurden die Frauen angewiesen, nichts an ihrem Lebensstil zu ändern, also weder ihre Ernährung umzustellen noch mehr oder weniger Sport zu machen als bisher.

Nach sechs Monaten erhielten alle Frauen erneut die drei radiologischen Untersuchungen.

Dicke haben weniger Wachstumshormon

Die wichtigsten Ergebnisse: Im Vergleich zur Placebogruppe hatten in der Verumgruppe die Knochendichte und die Muskelmasse zugenommen, Bauch- und viszerales Fett sowie Fett im Oberschenkel abgenommen, die Vitamin-D-Spiegel zugenommen, das Knochenmark mehr Fett eingelagert, die Frauen nicht häufiger Nebenwirkungen angegeben als in der Placebogruppe.

Für Bredella waren diese Befunde der Beweis, wie positiv sich Wachstumshormon auf den Fett- und Knochenstoffwechsel bei dicken Frauen auswirkt.

Das sei auch nicht verwunderlich, weil bekannt sei, dass bei Dicken die Wachstumshormonspiegel oft niedriger seien als bei Normalgewichtigen, sagte Bredella. Der Grund dafür sei der erhöhte Blutspiegel an freien Fettsäuren bei Adipösen.

Die Wachstumshormon-Bildung und -Abgabe im Hypophysenvorderlappen wird unter anderem durch den Fettsäure-Spiegel gesteuert. Ist er erhöht, wird die Hormonabgabe gedrosselt - Resultat ist ein relativer Mangel an Wachstumshormon, wie Bredella sagte.

Keine geeignete Therapie

Ist also eine Therapie mit Wachstumshormon eine zukünftige Wunderwaffe für dicke junge Frauen? Könnte man damit doch mehrere Ziele auf einmal erreichen: Knochendichte und Muskelmasse erhöhen, gleichzeitig das Fett wegschmelzen. "Nein, das ist keine geeignete Therapie", sagte Bredella.

Die Therapie sei zu teuer, die täglichen Injektionen und die engmaschige Überwachung der Blutzucker-Werte, die bekanntermaßen durch Wachstumshormone beeinflusst werden, zu aufwändig.

Zudem handele es sich um eine erste, kleine Studie, die jedoch einige bekannte Aspekte zu Wachstumshormonen bestätigt habe, etwa, dass Wachstumshormon sozusagen lipolytische wirke und so Fett schmelzen lasse sowie die Muskelbildung fördere.

Außerdem habe die Untersuchung die wichtige Erkenntnis geliefert, dass bereits dicke Frauen vor der Menopause ein erhöhtes Risiko für Knochenschwund hätten - entgegen früherer Annahmen. Man solle diesen Aspekt bei dicken jungen Frauen also im Auge behalten.

Wenn überhaupt, dann als Kurzzeit-Therapie

"Vielleicht kann für einige dicke Frauen eine kurzzeitige Therapie mit niedrig dosiertem Wachstumshormon infrage kommen, um initial die Muskelbildung und den Abbau von Fett anzustoßen", meinte Bredella. Dann fiele es den Frauen eventuell leichter, sich mehr zu bewegen und ihren Lebensstil umzustellen.

Als Therapie zum Abnehmen ist Wachstumshormon übrigens nicht geeignet: Die Frauen der Verumgruppe hatten nicht an Gewicht verloren; bei ihnen hatte sich lediglich das Fett-Muskel-Verhältnis verändert.

Und was ist mit einem erhöhten Krebsrisiko, das immer wieder mal im Zusammenhang mit Wachstumshormon-Gaben diskutiert wird?

Dazu Bredella: "Ein erhöhtes Krebsrisiko konnte auch bei Patienten nicht gefunden werden, die jahrzehntelang Wachstumshormone bekommen müssen, weil sie wegen einer Tumoroperation oder Bestrahlung kein körpereigenes Wachstumshormon mehr bilden können."

Und was die Fetteinlagerung im Knochenmark betrifft: Ob das gut oder schlecht ist, wird gerade von Bredella und Kollegen in einer anderen Studie untersucht. Bredella vermutet, dass das vermehrte Knochenmarkfett nach und nach durch Knochen ersetzt wird.

[01.12.2011, 09:06:29]
Dr. Johannes Scholl 
Vorsicht mit Wachstumshormon
Die Aussagen zu Nebenwirkungen und Krebsrisiken sind nicht korrekt. Da nützt es auch nichts, wenn man als Referenz die Harvard-Universität angibt, man sollte die Studien kennen: Die Langzeitdaten für die Anwendung von Wachstumshormonen aus einem britischen Register mit mehr als 1800 Patiienten zeigen eine 11-fach gesteigerte Mortalität für Hodgkin-Lymphome und für das kolorektale Karzinom. (Swerdlow AJ et al., Lancet 2002; 360: 273-277).
Außerdem werden die Nebenwirkungen von Wachstumshormon von den Befürwortern systematisch verharmlost: In einem relevanten Prozentsatz kommt es zu einem Carpaltunnelsyndrom, außerdem verschlechtert sich die Glucosetoleranz bis hin zum Auftreten eines Typ 2-Diabetes. (Blackman MR et al., JAMA 2002; 288: 2282-2292; Münzer T et al., J Clin Endocrinol Metab 2009; 94: 3833-3841)
Mit körperlicher Aktivität und insbesondere Krafttraining sind bessere Effekte sowohl auf die Osteoporose als auch auf den Stoffwechsel und die Adipositas zu erreichen - aber damit lässt sich halt nichts verdienen (wer war wohl der Sponsor?). Und Krafttraining erfordert halt eigene Anstrengung...

Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin e.V.
scholl@akaprev.de zum Beitrag »

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