Ärzte Zeitung online, 24.11.2015

Kampf gegen Übergewicht

Strom bremst den Hunger

Abnehmen, ohne viel dafür tun zu müssen - das ist der Wunsch vieler Übergewichtiger. Forscher sind diesem Traum jetzt vielleicht ein Stück näher gekommen.

Von Thomas Müller

Strom bremst den Hunger

Gleichstrom am Kopf kann den Hunger bremsen - eine Therapieoption bei Übergewicht?

© Andres Rodriguez/thinkstockphotos.de

PHOENIX. Der Heilige Gral in der Adipositastherapie wäre ein Verfahren, welches einen Gewichtsverlust garantiert, ohne dass die Betroffenen viel dafür tun müssen.

Eine Pille, die den Hunger beseitigt, oder ein Gebräu, das die Fettverbrennung ankurbelt, so wie es viele Präparate in der Werbung versprechen - natürlich ohne Aussicht auf Erfolg.

Denn so einfach lässt sich der Körper nicht überlisten, gnadenlos bekämpft er jegliches kalorische Defizit und lässt den Abspeckwilligen kaum eine Chance, in einer Welt voller hochkalorischer Verlockungen ihren Appetit zu zügeln.

Hinzu kommt, dass Hunger nicht alles ist - die Steuerung der Nahrungsaufnahme ist ein sehr komplexer, noch nicht vollständig verstandener Prozess.

Dorsolateraler präfrontaler Kortex spielt wichtige Rolle

Immerhin scheinen einige Hirnregionen wie der dorsolaterale präfrontale Kortex bei diesem Vorgang eine wichtige Rolle zu spielen, unter anderem indem sie das Belohnungsverhalten und Sättigungsgefühl nach einer Mahlzeit verarbeiten und modulieren, berichten Ärzte um Dr. Marci Gluck vom National Institute of Health (NIH) in Phoenix.

So hätten Studien ergeben, dass bei Adipösen der linke dorsolaterale präfrontale Kortex weniger stark aktiviert wird als bei normalgewichtigen Zeitgenossen.

Möglicherweise kommen aus dieser Hirnregion weniger Stoppsignale für die Nahrungsaufnahme. Specken Dicke jedoch erfolgreich ab, scheint sich auch die Aktivität dieser Hirnregion wieder zu normalisieren.

Dies brachte die Forscher auf die Idee, den dorsolateralen präfrontalen Kortex zu stimulieren, in der Hoffnung, dass es eine ursächliche Beziehung zwischen verstärkter Aktivität und einer maßvollen Nahrungsaufnahme gibt - die Stimulation also den Appetit bremst.

Stimulation des dorsolateralen präfrontalen Kortex

In einem Experiment haben die Forscher nun neun Adipöse mit einem Gewicht von im Schnitt 94 kg und einem BMI von 34 einer transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS*) unterzogen (Obesity 2015; 23: 2149-2156).

Bei diesem nichtinvasiven Verfahren werden lediglich zwei Elektroden außen am Schädel angelegt, die Stromstärke liegt in der Regel bei rund 2 mA. Bei der Stimulation entstehen elektrische Felder, die auf radial zum Feld orientierte Neurone einwirken.

In der Nähe der Anode wird deren Exzitabilität erhöht, an der Kathode gesenkt. Die Forscher um Gluck vermuteten also, dass eine anodale Stimulation am dorsolateralen präfrontalen Kortex dessen Aktivität erhöhen und die Nahrungsaufnahme reduzieren könnte.

Um dies zu kontrollieren, wurden die Adipösen neun Tage lang stationär aufgenommen. In den ersten fünf Tagen bekamen sie eine gewichtserhaltende Diät. An Tag 6, 7 und 8 wurde die tDCS über dem linken dorsolateralen präfrontalen Kortex appliziert, und zwar morgens nach dem Aufwachen für 40 Minuten.

Studie musste wiederholt werden

Anschließend durften sie essen, was und wie viel sie wollten, mussten jede Mahlzeit aber aus einem Automaten beziehen und die Reste an diesen zurückgeben. Somit ließ sich genau erfassen, was sie konsumierten.

Vier der Patienten erhielten eine Scheinstimulation: Dabei floss nur für wenige Sekunden Strom, was reichte, um ein anfängliches Kribbeln wie bei der richtigen Stimulation zu erzeugen. In der Tat glaubten die Teilnehmer mit Scheinstimulation, dass sie die richtige Behandlung erhielten.

Allerdings wurden bei der richtigen Stimulation durch einen Fehler im Protokoll die Elektroden vertauscht: Die Patienten bekamen eine kathodale statt anodale Stimulation.

Die Studie musste daher noch einmal wiederholt werden, dieses Mal mit der richtigen Elektrodenplatzierung. Auf diese Weise hatten die Studienautoren aber eine weitere Kontrollvariable.

Relativer Gewichtsverlust: 1 kg in drei Tagen

Wenig überraschend gab es im ersten Studienpart zwischen der Gruppe mit Scheinstimulation und mit kathodaler Reizung keine signifikanten Unterschiede bei der Energieaufnahme und beim Gewicht.

Im zweiten Teil konsumierten Teilnehmer mit anodaler Stimulation jedoch 625 Kilokalorien (kcal) weniger pro Tag als mit Scheinstimulation und 692 kcal weniger als im ersten Part mit kathodaler Stimulation (2863 versus 3555 kcal). Die Unterschiede erreichten aber nicht das Signifikanzniveau (p = 0,07).

Wurden nur Fettgehalt und Limonadengenuss betrachtet, so konsumierten die Teilnehmer nach der anodalen Reizung signifikant weniger als nach der kathodalen tDCS (p = 0,02).

Überraschenderweise ließ sich auch ein signifikanter Gewichtsunterschied feststellen: So nahmen die Patienten mit kathodaler Stimulation leicht zu (plus 0,6 Prozent in drei Tagen), mit anodaler tDCS hingegen etwas ab (minus 0,3 Prozent). Insgesamt konnten die Forscher also eine Differenz von knapp einem Kilogramm berechnen (p = 0,009).

Hautrötungen und leichtes Brennen

Als unerwünschte Wirkung traten bei 60 Prozent der aktiv Stimulierten Hautrötungen auf. Dies war in der Gruppe mit Scheinstimulation praktisch nicht der Fall.

Ein leichtes Brennen und Ziehen wurde in beiden Gruppen beobachtet. Müdigkeit, Stimmungsänderungen, Kopf- und Nackenschmerzen oder Konzentrationsprobleme traten in beiden Gruppen ähnlich selten auf.

Die Studie deutet also auf einen gewissen Nutzen der tDCS zur Gewichtsabnahme bei einer sehr guten Verträglichkeit.

Nun müssten die Ergebnisse natürlich in größeren und vor allem länger dauernden Studien bestätigt werden. Da die tDCS billig, nebenwirkungsarm und sehr einfach anzuwenden ist, könnten sich weitere Studien durchaus lohnen.

Den Heiligen Gral zur Gewichtsreduktion wird man in der tDCS zwar sicher nicht finden, sollte sie aber tatsächlich funktionieren, käme sie dem Traum vom Abnehmen ohne Schweiß und Hunger immerhin recht nahe.

*tDCS: transcanial direct current stimulation

[24.11.2015, 15:38:52]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Eher "Stirnrunzeln unter Strom" statt Gewichtsreduktion?
Selbst die Autoren von "Neuromodulation targeted to the prefrontal cortex induces changes in energy intake and weight loss in obesity", M. E. Gluck et al., geben zu, dass es sich nur um den Nachweis eines Wirkprinzips handeln soll ["proof of principle clinical trial"].

Bei insgesamt nur 9 Versuchspersonen gleich z w e i parallele ["sham"]-Scheinbehandlungs-Gruppen im ["double-blind, randomized, placebo-controlled crossover experiment"] Studiendesign unterzubringen, bleibt in der Tat als logistisch-größenwahnsinnige Meisterleistung äußerst fragwürdig: Deshalb hat diese Studie nach intensivem Lesen der Original-Langfassung bei mir persönlich auch Nebenwirkungen ausgelöst - stundenlanges Stirnrunzeln!
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/oby.21313/full

Die hier von ÄZ- und SpringerMedizin-Autor Thomas Müller subtil mit dem Titel "Strom bremst den Hunger" beschriebene Studie scheint eher der Chaos-Forschung entlehnt. Er beschreibt das so: "Allerdings wurden bei der richtigen Stimulation durch einen Fehler im Protokoll die Elektroden vertauscht: Die Patienten bekamen eine kathodale statt anodale Stimulation. Die Studie musste daher noch einmal wiederholt werden, dieses Mal mit der richtigen Elektrodenplatzierung. Auf diese Weise hatten die Studienautoren aber eine weitere Kontrollvariable.
Wenig überraschend gab es im ersten Studienpart zwischen der Gruppe mit Scheinstimulation und mit kathodaler Reizung keine signifikanten Unterschiede bei der Energieaufnahme und beim Gewicht."

Weshalb aber im Originaltext plötzlich von 36 Teilnehmern statt der eingangs erwähnten Neun ["Nine (3m, 6f) healthy volunteers with obesity (94?+/-?15 kg [M?+/-?SD]; 42?+/-?8 y)"] die Rede ist, wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Es sei denn, man geht von 4 mal 9 Durchgängen bei den neun Versuchspersonen aus?
"However, after randomizing 36 participants (34 completers; 2 in progress), we discovered that positive and negative stimulation leads had been reversed since the beginning of the study, resulting in placement of an active cathode over the DLPFC. The study (study 1) was halted and the data analyzed. We found no adverse events or effects on weight or food intake."

Eine weitere, angeblich bahnbrechende Erkenntnis: "Relativer Gewichtsverlust - 1 kg in drei Tagen" entlarvt sich als Chimäre! Im Body-Mass-Index" (BMI) macht 1 Kilogramm Körpergewicht z. B. bei 100 kg übergewichtigem Ausgangswert gar keinen messbaren Unterschied. Diese Studie macht tatsächlich eher

Stirnrunzeln unter Strom statt Gewichtsreduktion!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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