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Ärzte Zeitung, 01.12.2016

Jung und adipös

Sind Ärzte bei dicken Kindern zu tolerant?

Die Datenlage ist klar: Fettleibige Kinder und Jugendliche haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Wie bewältigt die Gesellschaft diese Herausforderung?

Von Ellen Jahn

Sind Ärzte bei dicken Kindern zu tolerant?

Adipöse Kinder haben oft Herzprobleme. Wie gehen Ärzte damit um?

© Waltraud Grubitzsch / dpa

Übergewicht und Adipositas sind zu keiner Lebenszeit harmlos. Bei Kindern und Jugendlichen wird vermutlich zu häufig ein Auge zugedrückt. Dabei werden in jungen Jahren vielfach die Weichen für die Gesundheit im Laufe des Lebens gestellt.

Die Situation ist problematisch: Erstmals gibt es weltweit mehr übergewichtige (BMI 25 < 30kg/m2) als normalgewichtige Menschen, heißt es in einem aktuellen Artikel in "The Lancet" (2016; 387:1377-1396).

Diese Entwicklung beschleunigt sich sogar, weil immer mehr Kinder zu viele Pfunde auf die Waage bringen. So sind in Deutschland bereits 19,8 Prozent aller 11-bis 17-Jährigen übergewichtig, 10 Prozent sind adipös, wobei die Jungen noch deutlich schwerer sind als die Mädchen.

Hypertonie schon im Kindesalter

Leider ist Adipositas selbst in jungen Jahren nicht nur ein kosmetisches Problem. "Sie verursacht bereits deutliche Schädigungen an kardiovaskulären Strukturen und birgt ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter", erklärte Professor Renate Oberhoffer vom Lehrstuhl Präventive Pädiatrie der Technischen Universität München.

Auch im Hinblick auf den Bluthochdruck gibt es laut einer Untersuchung in Deutschland, Österreich und der Schweiz alarmierende Entwicklungen: Von fast 58.000 adipösen Personen zwischen 6 und 18 Jahren hatten 22 Prozent der Untersuchten bereits einen Hypertonus (Am J Cardiol 2015; 115: 1587-1594).

"Vielleicht tolerieren wir in dieser Altersgruppe zu hohe Werte"

Auch die Deutsche Hochdruckliga berichtete 2013 von arterieller Hypertonie bei 6,4 Prozent der Kinder. "Vielleicht tolerieren wir in dieser Altersgruppe zu hohe Werte", so Oberhoffer beim Kongress für Sportmedizin und kardiovaskuläre Prävention und Rehabilitation in Frankfurt am Main.

Wenig verwunderlich ist es, dass neben der Hypertonie weitere Parameter wie Dyslipidämie und Hyperglykämie mit der Adipositas im Kindes- und Jugendalter einhergehen. Sie sind Teil des metabolischen Syndroms und ebenso ernst zu nehmen wie bei Erwachsenen.

Fassbar wird dies in Störungen des kardialen Remodelling, das bereits bei jugendlichen Adipösen zu Kontraktions- und Funktionsstörungen führen kann. Zudem zeigen Karotis-Intima-Media-Dicken-Messungen in 22 von 26 Studien signifikante Zunahmen bei adipösen Kindern.

Nicht eindeutig ist die Datenlage, ob die erhöhte Gefäßdicke im Jugendalter bereits die Gefäßelastizität beeinträchtigt. Obwohl diese Schlussfolgerung naheliegt, muss sie durch Langzeitbeobachtungen noch belegt werden.

Ein aktiver gesunder Lebensstil ist das A und O

Der "sitzende Lebensstil" ist neben ungesundem Essen eine Hauptursache des stetig steigenden Körpergewichts. Mit jeder Stunde TV und Computer steigt gleichzeitig das kardiovaskuläre Risiko.

Dies zu ändern, ist zweifellos eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gilt es doch, Kinder und Jugendliche in Bewegungs- und Sportprogramme zu bringen und zu einem gesünderen Lebens- und Ernährungsstil zu motivieren.

"Gesundes Frühstücks- und Essverhalten wird nicht nur Zuhause, sondern auch in Kindergarten und Schule geprägt", sagte Professor Jürgen Steinacker, Leiter der Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm.

Ein aktiver Schulweg, regelmäßiger Sportunterricht und Bewegungspausen aktivieren Kinder und senken ihre Krankheitstage. Deshalb sind auch Ärzte aufgefordert, sich stärker zu engagieren. Ihr Wort zählt. Angesichts der vorgelegten Daten zur den bereits messbaren kardiovaskulären Veränderungen bei Jugendlichen scheint es fünf vor Zwölf zu sein.

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