Ärzte Zeitung, 27.06.2005

HINTERGRUND

Gefährdete Kinder sollen bewußt Antigenen ausgesetzt werden, damit sie weniger Allergien bekommen

Von Philipp Grätzel von Grätz

Wenn heute in München das wissenschaftliche Programm des Welt-Allergie-Kongresses beginnt, dann wird in den Schulen der bayerischen Landeshauptstadt geschnieft wie immer im Frühsommer: "Jeder vierte Teenager in Deutschland leidet mittlerweile an einer Allergie, meist an Heuschnupfen", sagt der Allergie-Experte Professor Ulrich Wahn von der Charité in Berlin.

Wahn ist Präsident der Europäischen Akademie für Allergologie und Klinische Immunologie (EAACI), die den Welt-Kongreß ausrichtet. Mit erwarteten 6000 Teilnehmern ist es nach Wahns Angaben der größte Allergie-Kongreß, der je in Europa abgehalten worden ist.

Aus Heuschnupfen wird häufig Asthma

Ein Heuschnupfen wird von den Betroffenen in der Regel nur als lästig empfunden. Zu einem medizinischen Problem wird er dann, wenn es zum Etagenwechsel von den oberen, nasalen Atemwegen hinunter in die Bronchien kommt, was manche Allergologen einen "allergischen Marsch" nennen. Dort tritt die Allergieneigung dann als Asthma bronchiale in Erscheinung.

Dieser Etagenwechsel ist häufig: "Etwa acht Prozent der deutschen Schulkinder leiden derzeit an einem - in den meisten Fällen allergischen - Asthma bronchiale", so Wahn zur "Ärzte Zeitung". Fast alle diese Kinder hatten vorher bereits einen Heuschnupfen oder eine andere Allergie. Mit anderen Worten: Knapp jedes dritte Kind mit Heuschnupfen bekommt auch pulmonale Atemprobleme.

Tatsächlich startet die Leidensgeschichte bei vielen bereits in frühester Kindheit, und zwar mit Hauterscheinungen, die an eine atopische Dermatitis erinnern. Einige Experten sprechen deswegen auch von einem "atopischen Marsch". Die Neurodermitis bei Neugeborenen sei einer der drei wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung eines Asthma bronchiale, so Wahn. Die beiden anderen Faktoren sind allergische Erkrankungen eines oder beider Elternteile sowie positive Allergietests bei sehr jungen Kindern. "Kommen alle drei Faktoren zusammen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Asthma bronchiale zu entwickeln, bei 80 bis 100 Prozent".

Wer Kinder, die allergiegefährdet sind, schützen will, für den gibt es einige Grundregeln, die allerdings keine Garantie bieten. Ansatzpunkt sind in erster Linie die eigenen vier Wände. So sollten Haustiere für Risikokinder tabu sein. Spezielle Matratzenüberzüge (Encasing) schützen vor Hausstaubmilben. Wo möglich, sollten Teppichböden durch feucht wischbare Bodenbeläge ersetzt werden.

Das ist die eine Seite der Allergie- und Asthmaprävention. Ziel solcher Maßnahmen ist es, potentielle Allergene von Kindern fernzuhalten.

      Drei Endotoxine sind Kandidaten für die klinische Forschung.
   

In Tierversuchen und in einer ersten klinischen Studie getestet wird aber auch eine auf den ersten Blick entgegengesetzte Strategie. Der Körper wird dabei bestimmten Antigenen von Bakterien, Viren oder Pilzen sogar ausgesetzt - in der Hoffnung, dadurch die Allergieneigung zu bremsen. Denn eine schon länger diskutierte These, die auch auf dem Welt-Allergie-Kongreß Thema mehrerer Sitzungen ist, postuliert, Allergien könnten ein Nebenprodukt der erfolgreichen Infektionsbekämpfung sein.

"Die Hygiene-Hypothese basiert auf der Beobachtung, daß die Allergieneigung in Industrieländern größer ist als in Ländern, wo die Infektionsraten höher sind", sagt Dr. Eckard Hamelmann, ebenfalls von der Charité. Für Industrieländer sei zudem belegt worden, daß Kinder, die früh in den Kindergarten kommen und die viele Geschwister oder gehäuft Infekte haben, weniger Allergien entwickeln als ihre Altersgenossen. Nun will natürlich niemand zurück ins 19. Jahrhundert. Deswegen versuchen Forscher wie Hamelmann, jene Erreger oder deren Bestandteile zu finden, die möglicherweise schützen könnten.

Der heißeste Kandidat dafür ist das Endotoxin aus der Zellwand gramnegativer Bakterien. Es wurde gehäuft in Betten in bayerischen Bauernhöfen gefunden. Und bei Kindern, die dort aufwachsen, sind Allergien äußerst selten.

Ein anderer potentieller Schutzfaktor ist das Tuberkuloseantigen BCG. So hat eine japanische Arbeitsgruppe belegt, daß Allergien um so seltener sind, je stärker die Antwort im Tuberkulintest ausfällt. Im Tierexperiment reduzieren Tuberkulose-Infektionen eindeutig die Allergieneigung. "Wir nehmen allerdings nicht an, daß eine einmalige BCG-Impfung ausreicht, um das Allergierisiko zu senken", so Hamelmann einschränkend.

Antikörper gegen Spulwurm waren im Osten häufig

Dritter Mikroorganismus mit Schutzpotential ist der Spulwurm Ascaris. IgE-Antikörper gegen diese Spezies waren nach der Wende bei Kindern in den neuen Bundesländern sehr viel häufiger zu finden als im Westen. Das könnte eine mögliche, derzeit noch unbewiesene, Erklärung für die Beobachtung sein, daß die Allergiehäufigkeit östlich des ehemaligen Eisernen Vorhangs sehr selten war, bevor die Wiedervereinigung diesen Unterschied zum Westen wieder ausglich.

Hamelmann setzt im Moment ganz auf das Endotoxin. In einer Studie seiner Klinik erhalten insgesamt 500 Hochrisikokinder in den ersten Monaten nach der Geburt endotoxinhaltige Tropfen als Allergieprophylaxe. Mit Studienergebnissen wird allerdings erst in einigen Jahren gerechnet.

FAZIT

Bisher galt das Prinzip zur Asthmaprävention, Allergene von gefährdeten Kindern fernzuhalten. Bei einer neuen Strategie soll das Umgekehrte versucht werden: Endotoxine sollen vor der Entwicklung von Asthma schützen. Untersucht werden Endotoxin aus Zellwänden gramnegativer Bakterien, das Tuberkuloseantigen BCG und ein Spulwurm.

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