Ärzte Zeitung, 21.02.2006

"Subkutane Immuntherapie ist weiter Standard"

Immer mehr gute Studiendaten zu sublingualer Heuschnupfen-Therapie / Antihistaminika und Kortikoide zum Einstieg

Bei Patienten, die jetzt mit laufender, juckender Nase und roten Augen in die Praxis kommen, kann es sich bereits um Heuschnupfen handeln. Die Saison hierfür beginnt immer früher und dauert immer länger. Der Temperaturanstieg in den letzten 50 Jahren um durchschnittlich 0,6 Grad sei eine mögliche Erklärung hierfür, sagte Professor Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI), im Gespräch mit Thomas Meißner, Mitarbeiter der "Ärzte Zeitung".

Hasel- und Erlenpollen unterm Elektronenmikroskop. Bei Allergikern führen sie oft zu einer nasalen Kongestion. Foto: wid

Ärzte Zeitung: In Mitteleuropa haben Allergien in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Wie ist die Situation in Deutschland, besonders was den Heuschnupfen betrifft?

   
 
"Eine Kortikoid-
therapie kann das Ergebnis des Prick-Tests nicht verfälschen"
 
Professor G. Schultze-Werninghaus
Ruhr-Universität Bochum
   

Schultze-Werninghaus: Besonders interessant ist die Zunahme allergischer Erkrankungen mit den Geburtsjahrgängen. So fand sich 1991 ein Heuschnupfen bei Westdeutschen der Geburtsjahrgänge 1942 bis 1951 in 19,8 Prozent, bei den Geburtsjahrgängen 1952 bis 1961 bei 30,1 Prozent und bei den Geburtsjahrgängen 1962 bis 1971 bei 46,3 Prozent. Allergien haben somit in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Seit Mitte der 1990er Jahre ist jedoch eine Plateau-Bildung festzustellen.

Ärzte Zeitung: Wie ist die starke Zunahme der Allergien zu erklären?

Schultze-Werninghaus: Die Ursachen für die hohe Allergie-Prävalenz könnten mit den Veränderungen unserer Umgebung zusammenhängen. Der Temperaturanstieg in den letzten 50 Jahren um durchschnittlich 0,6 Grad hat die Blütezeiten der Pflanzen in Europa verändert. Die Blüte etwa von Hasel, Erle und Esche beginnt deutlich früher. Deshalb kann der Pollenflug länger dauern, nämlich von Januar bis Mitte August, und es finden intensivere Kontakte mit den Pollen statt. Dies wäre eine mögliche Erklärung für die Zunahme der Allergien. Eine andere Hypothese besagt, daß sich unsere Immunabwehr verändert hat. Der Grund hierfür könnte die im Vergleich zu früheren Zeiten geringere Beanspruchung des Immunsystems, zum Beispiel durch Infekte oder Parasiten, sein.

Ärzte Zeitung: Durch den internationalen Reiseverkehr sind neue Allergene von anderen Kontinenten eingeschleppt worden. Könnte auch dies relevant sein?

Schultze-Werninghaus: Sie sprechen das Traubenkraut (Ragweed) aus Amerika an, den dortigen Auslöser von Heuschnupfen, der in den Herbstmonaten auftritt. Ich glaube nicht, daß das für die Gesamtzahl der Allergiker bereits von Relevanz ist. In einigen Regionen wie dem Rhein-Main-Gebiet sind jedoch schon einige Personen darauf sensibilisiert.

Ärzte Zeitung: Es heißt, die Pollenallergie ist mittlerweile die häufigste Allergieform...

Schultze-Werninghaus: Ja, das ist richtig. Zwei Gruppen von Allergenen sind besonders bedeutsam: Die Allergene der Frühblüher, besonders der Birke, und die Allergene der Sommerblüher, Gräser- und Getreidepollen. Häufig sind Kreuzallergien mit Nahrungsmitteln wie Nüssen oder Äpfeln.

Ärzte Zeitung: Wie läßt sich bei Verdacht auf eine Pollenallergie die Diagnose sichern?

Schultze-Werninghaus: Ob eine Sensibilisierung vorliegt, wird mit dem Hauttest oder mit der In-vitro Bestimmung des spezifischen IgE erfaßt. Der Bluttest ist aber nur dann unbedingt notwendig, wenn aus verschiedenen Gründen der Hauttest nicht erfolgen kann, etwa wenn eine Hauterkrankung vorliegt oder wenn am Untersuchungstag ein Antihistaminikum eingenommen worden war. Das kann das Ergebnis des Prick-Tests verfälschen. Dies gilt aber nicht für eine Kortikoidtherapie, auch nicht in hoher Dosierung. Asthmatiker darf man auf keinen Fall gefährden, indem man wegen eines Allergietests das Kortikoid absetzt!

Ärzte Zeitung: Bei positivem Prick- oder auffälligem Bluttest kann also die Diagnose als gesichert gelten und mit der Therapie begonnen werden?

Schultze-Werninghaus: Das Ergebnis des Prick-Tests ist nur dann von Bedeutung, wenn die Beschwerden sehr präzise zu dem Testergebnis passen. Wenn also ein Prick-Test auf Birke positiv ist und der betreffende Patient hat im April seine Hauptbeschwerden, dann brauche ich keine weitere Bestätigung der Diagnose. Bei manchen Patienten gibt es jedoch eine Fülle positiver Hauttest-Reaktionen auf verschiedene Pflanzenpollen. Dahinter steckt nichts weiter als Kreuzreaktionen gegen ähnliche Allergene. Wenn man sich auf die zwei Hauptgruppen von Allergenen - Frühblüher und Sommerblüher - vor Augen führt und den klinischen Befund mit dem Prick-Test-Ergebnis abgleicht, ist es nicht schwierig, zu ermitteln, welche der vielen positiven Reaktionen tatsächlich klinisch von Bedeutung sind.

Ärzte Zeitung: Welche Therapie empfehlen Sie, wenn eine Pollenallergie neu diagnostiziert wurde?

Schultze-Werninghaus: Hierbei ist entscheidend, ob nur die oberen Luftwege oder auch schon die unteren Atemwege in Mitleidenschaft gezogen sind. Sind lediglich die oberen Atemwege beeinträchtigt, ist zunächst die Behandlung mit einem Antihistaminikum und/oder topischen Kortikoid angesagt. Hierzu gibt es Leitlinien, etwa die der DGAKI. Liegen bereits bronchiale Symptome wie Husten oder Atembeschwerden beim Sport vor, sollte eine Asthma-Therapie, etwa mit Betamimetika und topischen Kortikosteroiden, erwogen werden - je nach Beschwerdegrad und Lungenfunktionseinschränkung. Können die Betroffenen dann ihren alltäglichen Tätigkeiten unbehindert nachgehen und nachts gut schlafen, ist die Therapie ausreichend. Ist das nicht der Fall und werden die Beschwerden von Jahr zu Jahr stärker, sollte eine Desensibilisierung (spezifische Immuntherapie, SIT) erwogen werden. Sie kann als einzige Methode zum Nachlassen der Beschwerden führen. Ob eine SIT im Einzelfall sinnvoll und notwendig ist und wie eine solche vorzunehmen ist, sollte ein Allergologe klären und gegebenenfalls das erste Rezept ausstellen.

Ärzte Zeitung: Es gibt ja mittlerweile viele SIT-Methoden, zum Beispiel außer der subkutanen auch die sublinguale Immuntherapie. Welches Vorgehen ist für Pollenallergiker am besten geeignet?

Schultze-Werninghaus: Aus unserer Sicht ist die subkutane Immuntherapie nach wie vor der Standard. Hier gibt es verschiedene Verfahren, die Präparate-abhängig eine unterschiedliche Zahl von Injektionen erfordern. Man beginnt jeweils mit einer Aufsättigungsphase und macht eventuell mit einer Erhaltungstherapie in mehrwöchigen Abständen über drei Jahre weiter. Klinisch erprobt wird derzeit die Clustertherapie, bei der die Aufsättigungsphase verkürzt wird, indem mehrere Injektionen pro Tag verabreicht werden. Damit möchte man die Zahl der Arztbesuche reduzieren. Dieses Vorgehen ist bisher aber nur im Rahmen von Studien empfehlenswert.

Ärzte Zeitung: Welchen Stellenwert hat die sublinguale Immuntherapie?

Schultze-Werninghaus: Hierbei wird das Medikament unter die Zunge geträufelt, oder es wird eine Tablette unter die Zunge gelegt, die dann erst mit Verzögerung geschluckt wird. Zur Effektivität gibt es noch widersprüchliche Meinungen. Nach den publizierten Daten zu urteilen, ist die Wirksamkeit der sublingualen Therapie zumindest für Kinder noch nicht ausreichend belegt. In Studien mit Erwachsenen gibt es Hinweise für eine gewisse Wirkung. Neuere, noch nicht publizierte Studien zeigen eine bessere Wirkung, so daß diese Therapieform weiterhin von großem Interesse ist.

Die aktuelle Leitlinie der DGAKI zu "Allergische Rhinokonjunktivitis" kann im Internet eingesehen werden unter: http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/ll_aller.htm

STICHWORT

Pollen-Informationsdienst

Bevor bei Patienten mit Pollenallergie mit der Therapie begonnen wird, sollten die Patienten ausreichend über die Krankheit und den Pollenflug aufgeklärt werden. Ausführliche Informationen hierzu bietet die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) in Bad Lippspringe unter der Internet-Adresse: www.pollenstiftung.de. Hier gibt es Informationen über Ursache, Therapie und Prävention der Pollenallergie. Außerdem gibt es eine Pollenflugvorhersage. Die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst mißt an etwa 55 Orten der Bundesrepublik Deutschland den aktuellen Pollenflug durch geschultes Personal. Die gewonnenen Daten werden dem Deutschen Wetterdienst gemeldet. Internetnutzer können die aktuellen Pollenflugdaten für Deutschland über den gemeinsamen Service des PID und des Deutschen Wetterdienstes (DWD) abrufen: www.dwd.de.

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