Ärzte Zeitung online, 26.08.2009

Schwere Anaphylaxie nach Wespenstich ist häufig keine Eintagsfliege

Anaphylaxie-bedingte Todesfälle lassen sich vermeiden: durch eine rasche, effektive Akuttherapie. Dabei hilft die Schulung Betroffener im Umgang mit dem Notfall-Set.

Von Petra Eiden

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Foto: Christian ©www.fotolia.de

Anaphylaxien stellen hierzulande ein unterschätztes Problem dar. Es gibt Millionen von Menschen mit erhöhtem Anaphylaxie-Risiko, bei denen die Diagnose nie gestellt wurde. "Der Mensch findet sich oft viel zu leicht ab - die Biene sticht, er hat einen Schock, kommt wieder zu sich und hofft, dass es nicht wieder passiert", sagte Professor Johannes Ring im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Aufgrund des Risikos für erneute Reaktionen dieser Art bis hin zum Tod fordert der Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein der Technischen Universität München, bei allen Menschen mit unerwarteten, nicht erklärbaren Allgemeinreaktionen auf Insektenstiche, Nahrungsmittel oder auch Medikamente eine rasche Abklärung durch einen Allergologen.

Jeder dritte Betroffene hat erneut Anaphylaxien

Ein weiteres Problem zeigen aktuelle Daten des Anaphylaxie-Registers. Danach ist die Aufklärung der Patienten auch nach Diagnosestellung unzureichend. Laut Professor Margitta Worm vom Berliner Allergie-Centrum der Charité wurden seit Start des Registers vor drei Jahren 1 452 schwere anaphylaktische Reaktionen bis hin zu Zyanose, Schock und Kreislaufstillstand gemeldet. In 1 177 Fällen waren Erwachsene, in 275 Fällen Kinder betroffen. Die häufigsten Auslöser stellten bei Erwachsenen Insektengifte und Medikamente, bei Kindern hingegen Nahrungsmittel, vor allem Erdnüsse und Nüsse dar. Insgesamt wurde nur von zehn Prozent der Patienten ein Notfallset verwendet. Zudem erlitt immerhin ein Drittel der Betroffenen wiederholt anaphylaktische Reaktionen.

Um diese Situation zu ändern, hat Ring mit Kollegen bereits im Juli 2008 die AG Anaphylaxie - Training und Edukation (AGATE) ins Leben gerufen, die inzwischen in acht Zentren standardisierte Anaphylaxie-Schulungen durchführt. "Wir haben bisher rund 50 bis 80 Patienten geschult. Die ersten Rückmeldungen sind sehr positiv", so der Allergologe.

Allergenkarenz und Notfallset zum Schutz

In der Schulung lernen die Patienten, die für sie relevanten Allergene zu meiden - "doch mit Augenmaß", so Ring. Denn er möchte beispielsweise bei einem Kind mit Nussallergie die Lebensqualität weitestgehend erhalten: "Trotz der Allergie kann es noch Kuchen oder Süßigkeiten essen, wenn darauf geachtet wird, dass keine Nüsse enthalten sind." Darüber hinaus erfahren die Patienten, dass es wichtig ist, für den Notfall Coping-Strategien gegen die Angst zu entwickeln und das Notfallset immer mit sich zu führen. Das Set enthält in der Regel einen Adrenalin-Autoinjektor, ein Glukokortikoid und ein Antihistaminikum. Wie der Patient oder sein Angehöriger die Medikamente anwendet, wird individuell vom verschreibenden Arzt festgelegt.

So können entsprechend der aktuellen AWMF-Leitlinie zur Akuttherapie anaphylaktischer Reaktionen (www.awmf-online.de) beim Schweregrad I, bei dem Hautsymptome dominieren, H1-Antihistaminika ausreichen, die bei allen anaphylaktischen Reaktionen bereits zu Beginn gegeben werden sollten. Ab Schweregrad II mit zunehmender kardiovaskulärer Symptomatik wird zusätzlich die sofortige intramuskuläre Applikation von Adrenalin mit einem Autoinjektor wie Fastjekt® oder Anapen® in die Außenseite des Oberschenkels empfohlen, die bei Bedarf wiederholt werden kann. Glukokortikoide spielen in der Akutphase zwar eine untergeordnete Rolle, sind aber effektiv bei Asthma und wirken protrahierten oder biphasischen anaphylaktischen Reaktionen entgegen. Patienten mit Asthma sollten zudem ein kurz wirksames Beta-2-Mimetikum mit sich führen. Darüber hinaus empfiehlt Ring, auch bei einer glimpflich abgelaufenen anaphylaktischen Reaktion immer einen Arzt aufzusuchen.

Anaphylaxie-Schulung

Die Schulung der AGATE besteht aus zweimal drei Stunden, die im Abstand von rund einer Woche stattfinden, um einen Wiederholungseffekt zu erzielen. Vermittelt werden Informationen, aber auch sehr viel praktisches Wissen. Bisher gilt das Angebot für erwachsene Patienten und Eltern von betroffenen Kindern. Eine Kinder-Schulung befindet sich in Planung. Die Schulung wird derzeit evaluiert, die Auswertung soll Anfang 2010 erfolgen und stellt die Grundlage für die Erstattungsfähigkeit dar. Nach Abschluss der Evaluierungsphase möchte AGATE die Schulung deutschlandweit anbieten. Die hierfür notwendigen Qualitätsmanagementprozesse sollen auf dem nächsten Treffen beim 4. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongresses Anfang September in Berlin detaillierter ausgearbeitet werden. (pe)

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