Ärzte Zeitung online, 12.07.2010

Stillen und Beikost - endlich klare Empfehlungen für Eltern!

Widersprüchliche Empfehlungen zur Säuglingsernährung verunsichern viele Eltern. Fachgesellschaften von Ärzten, Hebammen und Ökotrophologen haben daher jetzt einheitliche Regeln aufgestellt.

Von Lajos Schöne

Stillen und Beikost - endlich klare Empfehlungen für Eltern!

Beikost für Babys wird jetzt früher empfohlen.

© atlang / fotolia.com

Kaum ist das Baby auf der Welt, können sich junge Eltern vor gut gemeinten Ratschlägen zur Ernährung kaum retten. Die wichtigsten Organisationen von Kinder- und Frauenärzten, Hebammen, Ernährungsexperten und Gesundheitspolitik haben deshalb jetzt gemeinsame Handlungsempfehlungen und unmissverständliche Zeitangaben zu Stillen, Babynahrung und Beikost zusammengestellt, meldet die Stiftung Kindergesundheit. Manches bisher Empfohlene musste dabei im Licht neuer Erkenntnisse verändert werden, berichtet Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung aus München. Die Handlungsempfehlungen werden im Juli-Heft der "Monatsschrift Kinderheilkunde" veröffentlicht. Die wichtigsten Punkte daraus:

• Stillen gilt nach wie vor als das Beste für Mutter und Kind. Stillen kann das Risiko für Durchfall, Otitis media und für ein späteres Übergewicht beim Kind senken. Es wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit des Babys positiv aus, sondern auch für die der Mutter und fördert die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Babys sollten mindestens bis zum Beginn des fünften Lebensmonats ausschließlich gestillt werden. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko. Aber auch nach Einführung der Beikost - das geschieht spätestens mit Beginn des zweiten Halbjahres - sollte weitergestillt werden. Auch Teilstillen ist wertvoll, heißt es in den Handlungsempfehlungen. Gestillt wird nach Bedarf: Zeitpunkt und Dauer bestimmt das Kind.

• Empfehlungen für die Einführung von Beikost:

- ab dem 1. bis 5. (bis 7.) Monat: nur Muttermilch (oder Säuglingsnahrung; "Pre-" oder "1-" Nahrung).

Zusätzlich: Vitamin K bei den Vorsorgeuntersuchungen U1, U2 und U3 und Tabletten mit Vitamin D und Fluorid für das ganze erste Lebensjahr und darüber hinaus (Absprache mit dem Kinderarzt!),

- ab dem 5. bis 7. Monat: Erster Brei (gut geeignet: Gemüse-Kartoffel-Brei mit Fleisch oder Fisch); weiter Muttermilch und/oder Säuglingsnahrung ("Pre-" oder "1-" Nahrung) oder Folgenahrung ("2-" Nahrung).

Ab 5. bis 7. Monat: Zweiter Brei (gut geeignet: Getreide-Milch-Brei),

- ab dem 6. bis 8. Monat: Dritter Brei (gut geeignet: Getreide-Obst-Brei),

- ab dem 10. Monat: allmählich und schrittweise Familienkost einführen (zum Beispiel weiches Brot),

- ab Ende des 1. Lebensjahres: Kuhmilch (Trinkmilch) kann als Getränk gegeben werden.

Eltern sollten wissen: Anfangsnahrungen, die als "Prä"- oder "1"-Nahrung bezeichnet werden, sind zur Fütterung des Babys von Geburt an und danach für das gesamte erste Lebensjahr geeignet. Wenn Folgenahrung verwendet wird (als "2"- Nahrung bezeichnet) sollte sie frühestens mit Beginn der Beikostfütterung eingeführt werden.

• Fläschchennahrung: Wenn die Mutter ihr Kind nicht oder nicht voll stillt, gilt die Regel: Fertig kaufen, nicht selbst herstellen. Empfohlen wird eine industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung. Grund: Babys gedeihen mit selbst hergestellter Milchnahrung nicht so gut. Die Empfehlung, Fläschchennahrung nicht selbst herzustellen, gilt für alle Milcharten - also für Kuh-, Ziegen-, Schaf- und Stutenmilch sowie für andere Rohstoffe wie Mandeln oder Soja.

Was tun, wenn eine Allergie droht? Von einem erhöhten Allergierisiko ist auszugehen, wenn mindestens ein Elternteil des Babys, eine Schwester oder ein Bruder unter einer Allergie leidet. Nicht oder nicht voll gestillte Babys mit diesem Risiko sollten im ersten Halbjahr ihres Lebens eine sogenannte HA-Nahrung (hypoallergene Nahrung) erhalten, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats. Mit Einführung der Beikost kann dann auf eine "normale" Säuglingsmilchnahrung umgestellt werden.

Der Schutzeffekt der HA-Nahrung wird allerdings oft überschätzt, heißt es in den Empfehlungen. Besonders wichtig sei deshalb in Familien mit Allergierisiko eine allergen- und schadstoffarme Umgebung zu schaffen. Das bedeutet: Keine Katzen und andere Haustiere mit einem Fell anschaffen; Schimmel und feuchte Stellen an Wänden vermeiden; lösungsmittelarme Lacke und Farben verwenden; bei Wohnungen an stark befahrenen Straßen nur zu verkehrsarmen Zeiten mehrmals kurz am Tag lüften (kein Dauerlüften).

Beikost sollte frühestens mit Beginn des fünften, spätestens aber mit Beginn des siebten Monats eingeführt werden. Zufüttern von Beikost bedeutet aber nicht das Ende des Stillens, betonen die Experten. Auch Babys, die bereits mit dem Fläschchen gefüttert werden, sollten nach Einführung von Brei- und Löffelkost ihre Flasche weiter erhalten.

Es darf übrigens alles auf den Löffel, was dem Baby schmeckt! Die früher häufig erhobenen Warnungen vor allergenreichen Nahrungsmitteln wie Milcheiweiß, Eier oder Fisch haben sich als nutzlos erwiesen: Das Meiden oder die spätere Einführung derartiger Lebensmittel bietet keinen Schutz vor Allergien. Heute wird deshalb Abwechslung durch Variation der verwendeten Beikostzutaten empfohlen. Studien haben nämlich ergeben, dass frühe Vielfalt in der Ernährung die Bereitschaft der Kinder erhöht, später auch neue, ihnen bis dahin nicht bekannte Lebensmittel zu akzeptieren. Auch aus diesem Grund sollen die Eltern ausdrücklich ermutigt werden, für ihr Baby auch selbst zu kochen!

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