Ärzte Zeitung online, 09.09.2010

Eltern können ihre Kinder selbst vor Allergien schützen

HANNOVER (eb). Bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko lässt sich dieses Risiko deutlich senken, wenn frühzeitig - also noch vor den ersten Krankheitszeichen - mit der Prävention begonnen wird. Zu den Empfehlungen gehört etwa das Stillen der Neugeborenen oder stattdessen die Verwendung hydrolysierter Säuglingsnahrung.

Eltern können ihre Kinder selbst vor Allergien schützen

Die aktuelle Leitlinie zur Allergieprävention empfiehlt: Neugeborene sollten volle vier Monate gestillt werden.

© chiyacat / fotolia.com

Die Anzahl allergiekranker Kinder hat in den vergangenen Jahrzehnten Besorgnis erregend zugenommen.

Über 40 Prozent der Kinder im Alter zwischen 3 und 17 Jahren sind bereits allergisch sensibilisiert, und jedes vierte Kind erkrankt an Heuschnupfen, allergischem Asthma bronchiale oder Neurodermitis. Die zentrale Rolle bei der Bekämpfung von Allergien spielen Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin, die sich auf die Behandlung von Allergikern spezialisiert haben.

"Kinderallergologen können verhindern, dass aus Risikokindern allergiekranke Kinder und aus diesen wiederum allergiekranke Erwachsene werden.

Dadurch kann die mit dem Lebensalter steigende Allergierate in Deutschland langfristig sinken", sagte Professor Albrecht Bufe aus Bochum, Erster Vorsitzende der Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin e. V. (GPA), auf dem 5. Gemeinsamen Deutschen Allergie-Kongress vom 8. bis 11. September 2010 in Hannover.

Präventionsbeginn vor den ersten Krankheitszeichen

Innerhalb der GPA befasst sich die wissenschaftliche Arbeitsgruppe (WAG) "Prävention" mit Maßnahmen zur primären und sekundären Allergieprävention. Empfehlungen zur Primärprävention verringern das Risiko, dass Kinder an Allergien erkranken. Die Maßnahmen werden daher zu einem Zeitpunkt ergriffen, an dem noch keine Zeichen für eine Erkrankung aufgetreten sind. Sie sind vor allem wichtig für Kinder mit einem erhöhten Allergierisiko. Das sind Kinder, bei denen ein Elternteil oder ein Geschwisterkind bereits allergiekrank sind.

"Die Eltern der Risikokinder können die Chancen ihrer Kinder, allergiefrei zu bleiben, ganz erheblich verbessern, wenn sie Empfehlungen zur Allergieprävention beachten", sagte der GPA-Vorsitzende und Kinderallergologe Bufe. Eine wichtige Rolle spielt die Ernährung von Neugeborenen. So empfiehlt die aktuelle Leitlinie zur Allergieprävention, Neugeborene volle vier Monate zu stillen oder alternativ mit hydrolysierter Säuglingsnahrung zu füttern.

Beikost solle mit Beginn des 5. Lebensmonats gegeben werden. Katzen sollten in Haushalten mit allergiekranken Familienmitgliedern nicht gehalten werden. Während der Schwangerschaft oder danach sollte nicht geraucht werden. Nicht zuletzt sollten die Kinder entsprechend den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) geimpft werden.

Empfehlungen der Leitlinien sind gut belegt

Nach Angaben von Professor Matthias Kopp aus Lübeck von der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe "Prävention" der GPA entsprechen die Empfehlungen der Leitlinie dem aktuellen Wissensstand und sind gut belegt. Dagegen gebe es keinerlei Belege dafür, dass Mütter in der Schwangerschaft oder Stillzeit zur Vorbeugung von Allergien bei ihren Kindern bestimmte Diäten einhalten müssen.

"Restriktive Diäten können zu einem Mangel an Nährstoffen, Vitaminen oder Mineralien führen", warnte Kopp. Diäten können für Kinder gefährlich werden und sollten nur bei nachgewiesener Nahrungsmittelallergie in enger Absprache mit einem Kinderallergologen durchgeführt werden.

Dagegen kann für Risikokinder, die nicht über vier Monate gestillt werden können, hypoallergene (HA) Säuglingsnahrung einen Beitrag zur Vermeidung von Allergien leisten. HA-Nahrung wird auf der Basis von Milchprodukten hergestellt, in denen die Eiweiße gespalten (hydrolysiert) sind und die somit nur eine geringe allergene Wirkung haben.

Die Allergie vorbeugende Wirkung von HA-Nahrung konnte eindrucksvoll in der GINI-Studie (German Infant Nutritional Intervention Study) unter Federführung der Kinderallergologin Dr. Andrea von Berg vom Marienhospital aus Wesel nachgewiesen werden.

Die Wissenschaftler um von Berg untersuchten in der Studie zwischen 1995 und 1998 insgesamt 2252 Neugeborene, die entweder gestillt wurden oder andere Nahrung erhielten. Im Vergleich zu Kindern, die Kuhmilch erhalten hatten, erkrankten mit HA-Nahrung ernährte Kinder deutlich seltener an Neurodermitis.

Für ihre Forschung ist die Wissenschaftlerin auf der Tagung in Hannover geehrt worden. "Dr. Andrea von Berg erhält in diesem Jahr den Förderpreis Pädiatrische Allergologie der GPA. Sie hat umfassend über geeignete Säuglingsnahrung im Zusammenhang mit der Allergieprävention geforscht und damit maßgeblich zu unserem heutigen Kenntnisstand beigetragen", so Bufe.

Die sekundäre Allergieprävention kann verhindern, dass Kinder, die bereits an Heuschnupfen leiden, auch an Asthma bronchial erkranken. Denn die allergische Überempfindlichkeit der Nasenschleimhaut kann sich auf die Schleimhaut der Bronchien ausbreiten. Werden dann die Allergie auslösenden Substanzen eingeatmet - also zum Beispiel Pollen - reagieren nicht mehr nur Nase und Augen, sondern auch die Bronchien, es kommt zum Etagenwechsel.

Die Luftwege verkrampfen sich, ihre Schleimhaut schwillt an und produziert zähen Schleim. Die Folge sind Symptome wie Atemnot und Husten.

Spezifische Immuntherapie kann Heuschnupfen heilen

"Bei an Heuschnupfen erkrankten Kindern sollte ein Kinderallergologe prüfen, ob eine spezifische Immuntherapie in Frage kommt. Diese ursächlich wirkende Behandlung kann allergischen Schnupfen dauerhaft bessern oder sogar heilen. Zudem wirkt die Immuntherapie vorbeugend gegen den Etagenwechsel zum Asthma bronchiale und kann weitere Sensibilisierungen verhindern", sagte der Bochumer Allergologen Bufe.

Die spezifische Immuntherapie, also die Hyposensibilisierung, ist die einzige Möglichkeit, das Immunsystem wieder toleranter zu machen. Dazu erhalten die Kinder über meistens drei Jahre regelmäßige Injektionen mit dem Allergieauslöser. Bei Kindern mit einer Allergie gegen Gräserpollen kann diese ursächliche Allergietherapie auch mit Hilfe von Tabletten erfolgen, die unter die Zunge gelegt werden.

Eine große Europäische Studie, an der auch viele Kinderärzte aus Deutschland teilnehmen, untersucht zurzeit, ob die sublinguale Immuntherapie mit der Gräsertablette bei Kindern mit Heuschnupfen tatsächlich das Asthma verhindern kann.

www.gpaev.de
www.allergie-asthma-online.de

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