Ärzte Zeitung, 22.02.2011

Hintergrund

Arznei für Schwangere - mehr möglich, als getan wird?

Bei Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit gibt es meist ausreichend untersuchte Medikamente.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Arznei für Schwangere - mehr möglich, als getan wird?

Schwangerschaft und Medikamente? Mehr Infos dazu auf www.embryotox.de

© Liv Friis-larsen / fotolia.com

Etwa die Hälfte aller Schwangerschaften ist ungeplant. Deshalb sollten Patientinnen im Alter zwischen 14 und 50 Jahren möglichst nur solche Arzneimittel erhalten, die bezüglich ihrer embryotoxischen Wirkung gut untersucht sind.

"Für fast alle Erkrankungen in Schwangerschaft und Stillzeit gibt es hinreichend untersuchte Medikamente. Diese lassen sich aber nicht anhand des Beipackzettels oder der Roten Liste finden", berichtete Privatdozent Dr. Christof Schäfer von der Charité Berlin bei einer Veranstaltung während des Fortbildungskongresses der Frauenärztlichen Bundesakademie in Düsseldorf.

Keine einheitlichen Warnhinweise

Aus haftungsrechtlichen Gründen tendierten die Pharmahersteller dazu, vor der Anwendung eines Medikamentes in Schwangerschaft und Stillzeit zu warnen, so der Experte vom Beratungszentrum für Pharmakovigilanz und Embryonaltoxikologie in Berlin.

Diese Warnhinweise seien bei den verschiedenen Produkten, die denselben Wirkstoff enthalten, aber nicht einmal einheitlich. Dies führe oft zu einem off-label-use von Arzneien und tendenziell zu einem übervorsichtigen Verhalten bei der medikamentösen Behandlung von schwangeren Patientinnen. Ein weiteres Problem: Teilweise erhielten schwangere Frauen klar indizierte Medikamente nicht mehr oder es würden Schwangerschaften abgebrochen.

Hinsichtlich der jetzt wieder beginnenden Pollenflugsaison wies Schäfer darauf hin, dass von keinem der Antihistaminika eine embryopathische Wirkung belegt sei. Die meisten Daten gebe es zum Wirkstoff Loratadin.

 Der Verdacht, das Medikament könne Hypospadien bei männlichen Kindern hervorrufen, habe sich nicht bestätigt und sei unbegründet. "Weder für Loratadin, noch für andere Medikamente wie Cetirizin oder Dimetinden gibt es Hinweise, dass sie bedenklich für die Entwicklung des Kindes sind, allerdings ist Loratadin das in dieser Beziehung am besten untersuchte Medikament", resümierte Schäfer.

Paracetamol ist Analgetikum der Wahl

Bei analgetischen Substanzen gehöre Paracetamol zu den Mitteln der Wahl, und zwar in Dosierungen wie außerhalb der Schwangerschaft. Ibuprofen könne bis zur 30. Schwangerschaftswoche gegeben werden. Bei Migräne könnten schwangere Frauen auch Sumatriptan einnehmen.

Für eine antibiotische Behandlung eigneten sich Pencilline und Cephalosporine. "Bei den Cephalosporinen würde ich nicht unbedingt eine Substanz der vierten Generation wählen, sondern ein Medikament, mit dem wir viel Erfahrung haben."

Reservesubstanzen seien Makrolide wie Erythromycin, aber auch Co-trimoxazol oder Metronidazol. "Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie ein Medikament verordnen sollten, nehmen Sie Kontakt mit uns auf, aber lassen Sie bitte nicht die Patientin selbst anrufen", riet Schäfer.

Relevante fruchtschädigende Wirkungen mit zirka zehnfacher Risikoerhöhung seien von Thalidomid und den zur Behandlung bei Akne angewandten Retinoiden wie Isotretinoin bekannt.

Bei Antiepileptika wie Valproat, Vitamin-K-Antagonisten und Zytostatika, die versehentlich in der Frühschwangerschaft gegeben würden, sei das Risiko für embryotoxische Wirkungen zwei- bis dreifach erhöht oder weniger.

Die Einnahme von Mycophenolatmofetil sei im ersten Trimenon offenbar mit einem erhöhten Risiko für Ohr- und Gaumenfehlbildungen assoziiert (um etwa 15 Prozent erhöhtes Risiko), auch von ACE-Hemmern und Sartanen seien embryopathische Effekte wie Anurie nach der Geburt bekannt.

Mehr Informationen zum Thema Arzneimittelsicherheit in Schwangerschaft und Stillzeit gibt es auf: www.embryotox.de
Tel.: 030/30308111

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