Ärzte Zeitung, 16.06.2014

Neues Positionspapier

Wirksamkeit der SLIT bestätigt

Das erste Positionspapier zur sublingualen Immuntherapie (SLIT) publizierte die World Allergy Organisation (WAO) im Jahr 2009. Jetzt hat das internationale Gremium aus 24 Experten ein Update vorgelegt.

Von Elke Oberhofer

Wirksamkeit der SLIT bestätigt

Allergie: Die SLIT lässt sich bei Kindern ab fünf Jahren, wahrscheinlich auch darunter einsetzen.

© Smailhodzic / fotolia.com

GENUA. Unter der Federführung von Professor Giorgio Walter Canonica von der Universität Genua wurden im Positionspapier der World Allergy Organisation zur sublingualen Immuntherapie (SLIT) vor allem die Kapitel zur klinischen Wirksamkeit der SLIT, zur Sicherheit, zur Wirksamkeit bei Kindern und zur Patientenselektion maßgeblich überarbeitet (World Allergy Organization Journal 2014, 7: 6).

Neu aufgegriffen werden praktische Aspekte wie Verabreichungsschema, Dosierung und Patientenberatung. Darüber hinaus kommen neue Therapieoptionen zur Sprache, unter anderem rekombinante Allergene, Biosimilars und Adjuvanzien.

Seit 2009 haben zwei Cochrane-Metaanalysen die Wirksamkeit und Sicherheit der SLIT bei saisonaler und ganzjähriger allergischer Rhinitis beziehungsweise Konjunktivitis bestätigt.

Durch zwei große unabhängige Studien wurde zudem die Evidenz für die krankheitsmodifizierende Wirkung der SLIT untermauert: Diese belegen, dass der Effekt auch nach Beendigung der Therapie über mindestens ein beziehungsweise zwei Jahre anhält. Für die Autoren ist dies ein Indiz für die Entwicklung einer antigenspezifischen Toleranz.

Bis Juni 2013 registrierten Canonica und sein Team 77 randomisierte kontrollierte Studien zur SLIT, 62 davon zu Gras- oder Hausstaubmilbenextrakten. Von den 17 nach 2009 erschienenen Studien wiesen alle außer einer eine signifikante klinische Wirksamkeit nach.

Die Verbesserung gegenüber Placebo betrug zwischen 20 und 35 Prozent. Für die Gräserallergie wurden klinische Wirksamkeit sowie Dosisabhängigkeit belegt.

In dem Update wurden zudem vier neue Metaanalysen berücksichtigt. Die größte mit 22 Studien und insgesamt 979 Patienten zeigte eine deutliche Überlegenheit der SLIT gegenüber Placebo im Hinblick auf Rhinitis-Symptome und Bedarf an Medikamenten.

Alle Metaanalysen fallen zugunsten der SLIT aus, berichten die Experten. Dies gilt für die Rhinitis und Konjunktivitis bei Erwachsenen sowie für Asthma und Rhinitis bei Kindern. Insgesamt, so die Autoren des Updates, bestätigen die Studien die klinische Wirksamkeit sowohl bei Rhinokonjunktivitis als auch bei Asthma, obwohl es zwischen den einzelnen Allergenen durchaus Unterschiede gibt.

Wie sicher ist die SLIT?

Den WAO-Experten zufolge ist die SLIT der sukutanen Immuntherapie (SCIT) in puncto Sicherheit überlegen. Dies bestätigen 66 Studien, in denen 4378 Patienten insgesamt 1.181.000 SLIT-Dosen erhalten hatten.

Lokale Reaktionen der Mundschleimhaut waren dabei die häufigsten Nebenwirkungen; sie traten bei 75 Prozent der Patienten auf, vor allem in der Anfangsphase. In der Regel verschwanden sie in den ersten Tagen oder Wochen spontan.

Einige wenige Fälle einer Anaphylaxie wurden berichtet; zu Todesfällen kam es bislang nicht. Die Rate systemischer Reaktionen auf die SLIT liegt insgesamt bei 1,4 pro 100.000 Dosen, davon entfallen die meisten auf Asthmasymptome, Bauchschmerzen und Urtikaria.

Hier weisen Canonica und sein Team auf das von der WAO neu erarbeitete fünfstufige Klassifikationssystem für systemische Reaktionen im Zusammenhang mit Autoimmuntherapien hin. Ein entsprechendes System zur Erfassung lokaler Reaktionen existiert bereits seit 2010.

Im Gegensatz zur SCIT scheinen beschleunigte Verabreichungsschemata nicht mit einer erhöhten Rate systemischer Reaktionen verknüpft zu sein.Der WAO zufolge lässt sich die SLIT bei Kindern ab fünf Jahren, wahrscheinlich auch darunter einsetzen: Hier ist nicht etwa mit mehr oder schwerwiegenderen Nebenwirkungen zu rechnen als in anderen Altersgruppen.

Sowohl die Immuntherapie gegen Gräserpollen als auch gegen Hausstaubmilben ist für Kinder mit Asthma geeignet, sie darf jedoch nicht als alleinige Asthmatherapie eingesetzt werden.

Kein direkter Wirksamkeitsvergleich derzeit möglich

Für die Indikationsstellung sollten Risiken und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. Der präventive Nutzen bei Kindern sei wahrscheinlich größer, wenn die Therapie frühzeitig im Krankheitsverlauf begonnen würde, mutmaßen Canonica und Kollegen. Probleme machte vor allem die Verabreichung in Form von Sublingualtabletten.

Diese werden von unter Vierjährigen sehr schlecht toleriert. Für die SLIT geeignet erachten die WAO-Experten grundsätzlich Patienten, die auf eine bestimmte Allergenexposition symptomatisch reagieren und bei denen ein entsprechender allergenspezifischer IgE-Test vorliegt.

Die SLIT gegen ein einzelnes Allergen ist dabei sowohl bei mono- als auch bei polysensibilisierten Patienten effektiv; sie kann auch als initiale Therapie eingesetzt werden. Besonders geeignet für die SLIT sind nach Canonica et al. Patienten,- bei denen sich die Allergie auch mit einer optimalen Pharmakotherapie nicht kontrollieren lässt,- bei denen die Pharmakotherapie unerwünschte Nebenwirkungen hervorruft und - die nicht langfristig mit Medikamenten behandelt werden wollen.Uneinigkeit herrscht immer noch bei der Dosierung.

Da die verschiedenen Hersteller unterschiedliche Dosiseinheiten angeben, ist ein direkter Wirksamkeitsvergleich der einzelnen Präparate nach wie vor nicht möglich, monieren die Experten. Es wird daher dringend gefordert, den Allergengehalt der jeweiligen Produkte zu standardisieren.

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