Ärzte Zeitung, 27.11.2015

Gefahr aus dem Deoroller

Jeder fünfzigste Europäer allergisch auf Duftstoffe

Mehr als jeder Dritte meidet bestimmte Parfüms, Deos oder Shampoos aufgrund von Hautreizungen. Bei zwei Prozent lässt sich tatsächlich eine Kontaktallergie gegen duftstoffhaltige Produkte nachweisen.

Von Thomas Müller

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Es wird angestrebt, die Duftstoff-Allergene HICC, Atranol und Chloratranol in der EU zu verbieten.

© iStockphoto / thinkstock.com

HEIDELBERG. Allergien gegen Duftstoffe sind keine Seltenheit, allerdings ist wenig darüber bekannt, wie häufig sie in der Allgemeinbevölkerung auftreten.

Von den dermatologischen Patienten ist nach Schätzungen rund jeder siebte betroffen, doch dieser Anteil dürfte deutlich höher liegen als im Bevölkerungsmittel, berichten Dermatologen um Dr. Thomas Diepgen von der Universität in Heidelberg.

Um das Ausmaß von Duftstoff-Kontaktallergien abschätzen zu können, hat das Team um Diepgen als Teil einer europäischen Allergiestudie eine repräsentative Auswahl von knapp 12.400 Personen aus Deutschland, Italien, den Niederlanden, Schweden und Portugal befragt.

Mehr als 3100 von ihnen haben die Studienärzte nach dem Zufallsprinzip per Patchtest auf eine Duftstoffallergie untersucht (Br J Dermatol 2015, online 7. November).

Deos und Cremes problematisch

Interviewt wurden die Teilnehmer zu Hautproblemen, etwa zu mindestens drei Tage anhaltenden Erythemen. Schließlich fragten die Studienärzte auch, ob sie bestimmte Toilettenartikel oder Reinigungsprodukte aufgrund von Hautproblemen meiden.

Immerhin 37 Prozent gaben an, dass sie auf Produkte verzichten, die auf die Haut aufgetragen werden und dort verbleiben. Hierbei standen Deos (17 Prozent) und Hautcremes (12 Prozent) ganz oben auf der Problemliste, gefolgt von Lidschatten (9 Prozent) und Parfüms (8 Prozent).

Etwa jede fünfte der in der Studie befragten Personen hatte Probleme mit Produkten, die nach der Anwendung wieder abgewaschen werden, also etwa Haarfärber, Shampoos und Zahnpasta.

Hautreizungen verursachten hier vor allem nicht näher benannte Haushaltsprodukte - eventuell Spül- und Reinigungsmittel. 18 Prozent aller Teilnehmer nannten solche Produkte.

Zehn  Prozent hatten Probleme mit Shampoos und Duschgels, neun Prozent mit Waschmitteln. In der Gruppe mit Patchtests waren die Anteile vergleichbar.

Für den Allergienachweis verwendeten die Forscher mehrere unterschiedliche Verfahren: Zum einen den Thin-Layer Rapid Use Epicutaneous Test (TRUE), zum anderen das Finn-Chamber-Verfahren.

Getestet wurde mit beiden Verfahren ein Duftstoffmix (FM I) mit hohem Gehalt an Atranol und Chloratranol aus Eichenmoos - die beiden Substanzen zählen zu den hauptallergenen Duftstoffen biologischen Ursprungs. Der Mix enthielt zudem Zimtaldehyd, Geraniol, Eugenol und Zitronenmelisse-Bestandteile.

Die Forscher prüften zudem einen zweiten Mix (FM II) nur im Finn-Chamber-Verfahren mit Citronellol, Cumarin, Farnesol, Hydroxyisohexyl-3-Cyclohexen-Carboxaldehyd (HICC), Sesquiterpen-Lactonen und Perubalsam (Myroxylon pereirae).

Frauen häufiger betroffen

Mit dem TRUE-Test zeigten 1,8 Prozent eine allergische Reaktion auf die FM-I-Auswahl, 2,6 Prozent waren es mit dem Finn-Chamber-Verfahren. Auf die FM-II-Bestandteile reagierten 1,9 Prozent positiv.

Frauen zeigten beim FM-I-TRUE-Test und beim Test auf FM II doppelt so häufig eine allergische Reaktion wie Männer, beim FM-I-Finn-Chamber-Verfahren war die Prävalenz bei Frauen etwa 50 Prozent erhöht.

Schauten sich die Forscher die einzelnen Bestandteile mit dem Finn-Chamber-Verfahren an, so erwies sich Eichenmoos (Evernia prunastri) im FM I als stärkstes Allergen - 32 von 82 Teilnehmern mit positiver Reaktion (39 Prozent) sprachen darauf an.

Es folgten Zimtaldehyd mit 26 und Hydroxycitronella mit 15 positiven Reaktionen.

Im FM II wurden die meisten allergischen Reaktionen durch HICC hervorgerufen. Drei Viertel der Teilnehmer mit einer positiven Reaktion (46 von 60 Personen) waren auf diesen Bestandteil allergisch, ein Drittel vertrug keinen Perubalsam und ein Viertel zeigte eine Hautreaktion bei Kontakt mit Hexylzimtaldehyd.

Wenig überraschend vermieden rund zwei Drittel der Teilnehmer mit einem positiven Patchtest bestimmte duftstoffhaltige Produkte.

Jeweils die Hälfte hatte schon einmal ein mindestens drei Tage lang juckendes Ekzem auf einen Kontakt mit duftstoffhaltigen Produkten zurückgeführt.

Inzwischen gibt es Bestrebungen, die Duftstoff-Hauptallergene HICC, Atranol und Chloratranol in der EU zu verbieten. Diese Substanzen wurden von der EU-Kommission als "nicht sicher" eingestuft.

Zwölf weitere chemische Stoffe und acht natürliche Extrakte hat die Kommission aufgrund der hohen Zahl der Personen mit positiven Epikutantests als "besonders bedenklich" eingestuft.

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