Ärzte Zeitung, 12.10.2016

Studie

Schützt das Essen von Allergenen im Kindesalter?

Spielt es eine Rolle für die Entwicklung von Allergien und Autoimmunkrankheiten, wann Kindern Nahrungsmittel angeboten werden, die potenzielle Allergene enthalten? Eine britische Forschergruppe ging dieser Frage nach.

Von Christine Starostzik

Schützt Essen von Allergenen von Kindesalter?

Schützt der frühe Verzehr von Allergieauslösern später vor Problemen? Forscher suchten nach Antworten.

© StefanieB. / Fotolia.com

LONDON. Man vermutet schon länger, dass das Risiko für Allergien und Autoimmunkrankheiten von dem Zeitpunkt an beeinflusst wird, ab dem potenziell allergene Lebensmittel auf dem Speiseplan eines Kindes stehen.

Meist wird heute nicht mehr dazu geraten, die Einführung solcher Nahrung zu verzögern, aber die meisten Leitlinien raten auch nicht zu einem früheren Beginn.

In einem systematischen Review haben Dr. Despo Ierodiakonou vom Imperial College London und Kollegen diese Zusammenhänge nun näher untersucht, indem sie 146 Studien aus den Jahren 1946 bis 2016 gesichtet haben (JAMA 2016; 316(11): 1181–1192).

Dabei konzentrierten sie sich auf Interventions- und Beobachtungsstudien mit Kindern, die während des ersten Lebensjahres mit dem Verzehr allergenhaltiger Produkte begonnen und eine Allergie, eine Autoimmunkrankheit oder eine allergische Sensibilisierung entwickelt hatten.

Berücksichtigt wurden dabei Wheezing, Ekzeme, allergische Rhinitis, Nahrungsmittelallergien, Typ-1-Diabetes, Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen, Autoimmunthyreoiditis sowie juvenile rheumatoide Arthritis.

Schutzeffekte bei Ei und Erdnüssen

In einer Metaanalyse von fünf Studien mit insgesamt 1915 Teilnehmern war mit mäßiger Sicherheit ein Zusammenhang zwischen der Einführung von Eiern in den Speiseplan im Alter von vier bis sechs Monaten und einem um 44 Prozent verringerten Risiko für eine Allergie gegenüber Eiern erkennbar. Damit hätte die frühe Exposition bei 24 von 1000 Kindern eine Allergie verhindert (Eiallergie-Inzidenz 5,4 Prozent).

Mit ähnlicher Wahrscheinlichkeit ergab sich in einer Metaanalyse von zwei Studien mit 1550 Probanden ein Zusammenhang für den erstmaligen Verzehr von Erdnüssen im Alter zwischen vier und elf Monaten.

Das Risiko für eine spätere Erdnussallergie war bei diesen Kindern um 71 Prozent niedriger als bei denjenigen, die nach dem ersten Lebensjahr mit dem Verzehr von Erdnussprodukten begonnen hatten. In einer Population mit einer Erdnussallergie-Inzidenz von 2,5 Prozent könnte damit 18 von 1000 Kindern eine Erdnussallergie erspart werden.

Auf andere Nahrungsmittelallergien hatte die frühe Einführung von Eiern oder Erdnüssen keinen Einfluss.

Beim Fisch waren die Zusammenhänge nicht so deutlich. Mit nur schwacher bis sehr schwacher Evidenz führte die frühe Zufuhr von Fischprodukten zu weniger allergischen Sensibilisierungen und einem Schutz vor allergischer Rhinitis bis zum Alter von vier Jahren.

Früher Fischkonsum unter der Lupe

Beim Wheezing zeigte sich die Studienlage hinsichtlich des frühen Fischkonsums noch widersprüchlicher. Weder für das Ekzemrisiko noch für die Entwicklung von Autoimmunerkrankungen ergaben sich klare Anhaltspunkte für einen Zusammenhang mit der frühen Einführung allergener Nahrungsmittel.

Mit großer Sicherheit ließen sich keine Effekte auf die Entwicklung einer Zöliakie durch eine frühe Glutenzufuhr erkennen.

Die Ergebnisse ihrer Metaanalyse, so Ierodiakonou und Kollegen, bestätigten eine ganze Reihe experimenteller Daten aus verschiedenen Tiermodellen, in denen gezeigt wurde, dass eine frühe Exposition gegen eine allergische Sensibilisierung mit dem gleichen Antigen schützen könne.

Der Erwerb dieser oralen Toleranz scheine den aktuellen Daten zufolge allergenspezifisch zu sein. Da bei der Zöliakie kein Zusammenhang erkennbar war, mutmaßen die Autoren, dass die erworbene Toleranz möglicherweise nicht über IgE-Antikörper-getriggerte Lebensmittelallergien hinausgeht.

Die britischen Wissenschaftler betonen allerdings, dass die Ergebnisse ihrer Studie nicht automatisch dazu führen sollten, neue Empfehlungen für alle Kinder im Hinblick auf den frühen Verzehr von Eiern und Erdnüssen zu geben. Die Resultate müssten vielmehr vor dem Hintergrund der verschiedenen Einschränkungen im Primärstudiendesign interpretiert werden.

Empfehlungen für Deutschland

In der deutschen S3-Leitlinie "Allergieprävention" Update 2014 heißt es unter "Einführung von Beikost und Ernährung des Kindes im 1. Lebensjahr": Die zur Zeit in Deutschland existierende Empfehlung, Beikost nach dem vollendeten vierten Lebensmonat einzuführen, sei aus Gründen eines steigenden Nährstoffbedarfs sinnvoll.

- Eine Verzögerung der Beikosteinführung soll aus Gründen der Allergieprävention nicht erfolgen.

- Für einen präventiven Effekt einer diätetischen Restriktion durch Meidung potenter Nahrungsmittelallergene im ersten Lebensjahr gibt es keine Belege. Sie sollte deshalb nicht erfolgen.

- Für einen präventiven Effekt durch die Einführung potenter Nahrungsmittelallergene vor dem vollendeten 4. Lebensmonat gibt es derzeit keine gesicherten Belege.

- Es gibt Hinweise, dass Fischkonsum im 1. Lebensjahr einen protektiven Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen hat. Fisch sollte mit der Beikost eingeführt werden.

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