Ärzte Zeitung, 06.04.2005

Tiotropiumbromid macht Patienten mit COPD das Leben leichter

Minderung der Exazerbationsrate / Verschlechterung der Lungenfunktion gebremst

NEU-ISENBURG (ikr). Das langwirksame Anticholinergikum Tiotropiumbromid hat die Optionen zur Dauertherapie bei chronisch-obstruktiver Lungenkrankheit (COPD) wesentlich erweitert. Die Substanz verringert nicht nur die Atemnot und senkt die Exazerbationsrate, sondern sie steigert auch die Belastbarkeit der Patienten und wirkt nach neuen Studiendaten der fortschreitenden Verschlechterung der Lungenfunktion entgegen.

Ein Drittel weniger Exazerbationen der COPD
Mittlere Zahl der Exazerbationen pro Patient und Jahr
Das langwirksame Anticholinergikum Tiotropium mindert die Exazerbationsrate bei COPD unabhängig vom Schweregrad der Erkrankung.

Das bereits seit Juni 2002 in Deutschland erhältliche Arzneimittel, das die Unternehmen Boehringer Ingelheim und Pfizer gemeinsam vermarkten, ist jetzt mit dem Robert Koch Award gewürdigt worden (wir berichteten).

Tiotropiumbromid (Spiriva®) werde in besonderer Weise den von Robert Koch formulierten Prinzipien für den Fortschritt gerecht, hieß es bei der Verleihung des von dem Fachverlag Urban & Vogel gestifteten Preises in Berlin. Ein Fortschritt solle demnach eine Innovation enthalten, zur Verbesserung der Betreuung von Kranken beitragen und ein großes Potential für die weitere klinische Forschung begründen.

Die Substanz wirkt über 24 Stunden bronchodilatierend

Als großer Vorteil von Tiotropium gilt unter COPD-Experten, daß es über 24 Stunden bronchodilatierend wirkt und daher nur einmal täglich appliziert wird, und zwar über den speziell für die Substanz entwickelten Pulverinhalator HandiHaler®. Zudem sind die Studiendaten, die die Effizienz der Substanz belegen, im Vergleich zu den Ergebnissen mit anderen langwirksamen Bronchodilatatoren besonders konsistent, wie der Pneumologe Dr. Thomas Voshaar aus Moers festgestellt hat.

Das langwirksame Anticholinergikum Tiotropiumbromid wird ebenso wie die langwirksamen Beta-2-Mimetika Formoterol und Salmeterol in den internationalen GOLD (Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease)-Leitlinien zur Dauertherapie bei COPD-Patienten empfohlen, die eine mittelschwere bis schwere COPD haben, das heißt die eine deutlich eingeschränkte Lungenfunktion mit einer Einsekundenkapazität (FEV1) von weniger als 80 Prozent des Sollwertes haben.

Tiotropiumbromid verringert nicht nur die Atemnot, sondern auch die Exazerbationsrate bei COPD-Kranken. Das bestätigen die Ergebnisse einer Langzeitstudie mit mehr als 1000 Patienten, die beim Kongreß der European Respiratory Society in Glasgow vorgestellt worden sind.

Demnach war die Zahl der Exazerbationen nach einjähriger Therapie mit dem Anticholinergikum im Vergleich zu Placebo um 35 Prozent niedriger. Mit dem Verum-Präparat gab es im Schnitt 1,6 Exazerbationen pro Patient pro Jahr, mit Placebo 2,4 Ereignisse. Außerdem: Bei Behandlung mit dem Anticholinergikum waren die Zahl der ungeplanten Arztbesuche sowie der Verbrauch an sonstigen Arzneimitteln und an Sauerstoff signifikant geringer.

Die Belastbarkeit der Patienten wird gesteigert

Eine Behandlung mit Tiotropium steigert auch die Belastbarkeit der COPD-Patienten, indem sie die Überblähung der Lunge, das heißt den Luftstau reduziert.

Den Ergebnissen einer sechswöchigen kontrollierten Studie mit 187 Patienten zufolge war die funktionelle Residualkapazität, also das nach normaler Ausatmung in der Lunge verbleibende Luftvolumen, mit dem Anticholinergikum im Schnitt 450 ml kleiner als zu Beginn der Studie. Die Inspirationskapazität hatte sich um im Mittel 200 ml verbessert - die Unterschiede zu Placebo waren signifikant. Die bessere Belastbarkeit unter dem Verum belegten Ergometer-Tests.

Das langwirksame Anticholinergikum kann offenbar noch mehr: Es bremst die fortschreitende Verschlechterung der Lungenfunktion bei COPD-Kranken. Das hat jetzt die Analyse der Daten aus zwei Placebo-kontrollierten Studien mit mehr als 900 Patienten ergeben (Pulmonary Pharmacology & Therapeutics 18, 2005, 75).

Sie erhielten ein Jahr lang entweder einmal täglich 18 µg Tiotropium zur Inhalation oder Placebo. Alle Studienteilnehmer waren sich zu Beginn der Studie ähnlich, was die Lungenfunktion - gemessen an der Einsekundenkapazität (FEV1) - betraf. Die Lungenfunktion hatte sich unter dem Verum signifikant weniger verschlechtert als unter Placebo: Der FEV1-Wert - gemessen 23 bis 24 Stunden nach der letzten Medikamenteneinnahme, also kurz vor der nächsten Einnahme -  hatte in der Placebo-Gruppe im Mittel um 58 ml pro Jahr abgenommen, in der Verumgruppe jedoch nur um 12 ml pro Jahr, wenn die zwischen dem 8. und 344. Studientag gemessenen Werte zugrunde gelegt wurden.

Steckbrief: Tiotropiumbromid

Zusammensetzung: Eine Hartkapsel des langwirksamen Anticholinergikums Spiriva® enthält 18 µg Tiotropiumbromid als Inhalationspulver.

Anwendung: Die empfohlene Tagesdosis von Tiotropiumbromid zur Behandlung von COPD-Patienten beträgt 18 µg. Der Inhalt einer Hartkapsel wird nur einmal täglich jeweils zur selben Tageszeit inhaliert, und zwar über den eigens für dieses Medikament entwickelten HandiHaler®.

Wirkung: Tiotropiumbromid wirkt selektiv an den Muskarin-Rezeptoren (M-Rezeptoren) der Lunge. M2-Rezeptoren hemmen die Produktion von bronchokonstriktiv wirkendem Acetylcholin. Die Stimulation von M1- und M3-Rezeptoren durch Acetylcholin führt zur Verengung der Bronchien. Tiotropiumbromid bindet nur kurz an M2-Rezeptoren, blockiert aber lange die M1- und M3-Rezeptoren. Das erklärt die 24stündige bronchodilatierende Wirkung dieses Medikaments.

Die absolute Bioverfügbarkeit von Tiotropiumbromid ist hoch: Der in die Lunge gelangte Anteil des Wirkstoffs beträgt bei jungen gesunden Patienten 19,5 Prozent. Die systemische Bioverfügbarkeit der Arznei hingegen hat sich bei minimaler extrapulmonaler Resorption, zum Beispiel zehn bis 15 Prozent aus dem Magen-Darm-Trakt, als gering erwiesen. (ikr)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Zahl der Behandlungsfehler stagniert

Die neue Statistik der Bundesärztekammer liegt vor. Sie zeigt, wo die meisten Behandlungsfehler passierten und wie die Schlichterstelle meistens entschied. mehr »

Regelmäßiges Frühstück ist offenbar gut fürs Herz

Wer regelmäßig frühstückt, beugt damit offenbar kardiovaskulären Erkrankungen vor, berichtet die American Heart Association (AHA). mehr »

Sperma-Check per Smartphone-App

Millionen von Paaren weltweit wollen ein Kind, doch es klappt nicht. Die Ursachen liegen in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Ein einfacher Test könnte Männern künftig die Untersuchung ihres Spermas erleichtern. mehr »