Ärzte Zeitung, 30.03.2006

INTERVIEW

"Durch ambulante Schulungen lernen Patienten mit COPD, ihre Krankheit besser zu kontrollieren"

Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) ist eines der Schwerpunktthemen beim Pneumologie-Kongreß in Nürnberg. Mit strukturierter Patientenschulung, so Kongreß-Präsident Professor Heinrich Worth, lernen die COPD-Patienten, ihre Erkrankung zu kontrollieren. Und sie können schneller reagieren, wenn sich die Symptome verstärken, sagte Worth im Gespräch mit Christina Ott von der "Ärzte Zeitung".

   
 
"Es wäre wichtig, daß die Spirometrie so wie das EKG für Hausärzte zur Basisdiagnostik gehört."
 
Professor Heinrich Worth
Kongreß-Präsident
   

Ärzte Zeitung: Was weiß man bisher über den Nutzen von Patientenschulungen?

Worth: Hierzu werden auf dem Kongreß Ergebnisse des evaluierten, strukturierten Schulungsprogrammes COBRA vorgestellt. Dieses ambulante Programm für COPD-Patienten ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, da es die Morbidität senkt und die Lebensqualität steigert. Dadurch ist es auch kosteneffektiv.

Ärzte Zeitung: Welche Patienten können Hausärzte denn in solche Schulungsprogramme miteinbeziehen?

Worth: Grundsätzlich alle symptomatischen COPD-Patienten. Die Programme sind auch für die ambulante Praxis geeignet. Hausärzte haben die Option, selbst zu schulen, sich mit Lungenfachärzten zusammenzutun oder einen Schulungsverein zu gründen. Es tut sich also einiges bei der Patientenschulung mit COPD-Kranken.

Ärzte Zeitung: Wie aufwendig sind diese Schulungen? Und was lernen die Patienten hier?

Worth: Die strukturierte Patientenschulung in der Praxis dauert entweder über 4 Doppelstunden à 45 Minuten oder 6 Stunden à 60 Minuten. Man verteilt dies auf zwei oder drei Termine. Die Schulung sollte in Kleingruppen mit etwa zehn Patienten stattfinden.

Die Patienten werden selbständiger. Sie lernen, ihre Erkrankung zu kontrollieren anhand der Beschwerden Husten, Auswurf, Atemnot. Diese werden in Tagebüchern protokolliert. Zudem lernen die Patienten, die Ergebnisse von Peak-flow-Messungen zu beurteilen. Hierbei wird die maximale Atemstromstärke bei der Ausatmung gemessen. Sie ist vermindert, wenn die Atemwege eng sind. Die Patienten lernen zudem, schnell zu reagieren und bei Verschlechterung der Symptome die Medikation zu intensivieren.

Ärzte Zeitung: Eine COPD wird ja häufig auch als Asthma fehlgedeutet: Etwa ein Viertel der Patienten mit Asthma-Diagnose haben in Wirklichkeit eine COPD. Welche Tips zur Differentialdiagnostik können Sie Hausärzten geben?

Worth: Es wäre schon wichtig, daß die Spirometrie wie das EKG für Hausärzte die Basisdiagnostik ist und wir dann die Chance hätten, frühzeitig Asthmatiker und COPD-Patienten zu erkennen und zu differenzieren.

Ärzte Zeitung: Wo gibt es zum Beispiel für COPD-Patienten einen klaren therapeutischen Fortschritt?

Worth: Etwa in der Beatmungsmedizin. Lungenärzte haben zur Behandlung bei schwerer akuter Atemschwäche die nicht-invasive Maskenbeatmung mit positivem Druck entwickelt. Diese wird sowohl bei akutem Versagen der Atmung als auch bei chronischem Versagen eingesetzt. Die Maskenbeatmung entlastet die Atemmuskulatur und hilft dabei, eine Intubation und die schwierige Intensivphase mit Entwöhnung vom Respirator zu vermeiden. Bei der COPD senkt sie die Morbidität bei akuter Verschlechterung erheblich. Aufgrund dieser Entwicklung nennt sich die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie seit diesem Jahr Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin.

Ärzte Zeitung: Auf welchen Gebieten tut sich noch Spannendes?

Worth: Zum Beispiel bei der Endosonographie. Mit dieser Untersuchung kann man bei Patienten mit Bronchialkarzinom die Ausbreitung der Lymphknoten mit Ultraschall im Bereich des Brustraums und in der Nähe der großen Atemwege erkennen und auch gezielt punktieren.

Neue Behandlungsmöglichkeiten gibt es auch bei der pulmonalen Hypertonie - hier muß man herausfinden, welche Therapieoption bei welchen Hochdruckformen in Betracht kommt. Nicht zu vergessen sind die Fortschritte in der Asthma-Therapie! Sie haben dazu geführt, daß wir in den letzten Jahren immer weniger Asthma-Tote zu beklagen haben und auch immer weniger Krankenhausaufenthalte nötig sind. Dies ist vor allem auf eine verbesserte Langzeittherapie durch inhalatives Kortison zurückzuführen.

Ärzte Zeitung: Gibt es denn Veranstaltungen, die auch für Nicht-Pneumologen gedacht sind?

Worth: Ja, es gibt zum Beispiel für Hausärzte vorgesehene Foren und Vorträge, die am Samstag stattfinden. Es werden aktuelle Leitlinien vorgestellt zu Asthma, COPD und zur ambulant erworbenen Lungenentzündung. Es geht zudem um Husten und um die Abklärung des Lungenrundherdes. Das sind für Hausärzte interessante Themen.

Wir haben auch das Assistenzpersonal berücksichtigt. Es gibt also Beiträge für in der Endoskopie tätiges Personal, für Intensivschwestern und Intensivpfleger sowie für Physiotherapeuten und Sporttherapeuten in einem Maße, wie es bisher nicht der Fall war. Darüber hinaus haben wir am Samstag Nachmittag eine große Patientenveranstaltung geplant.

ZUR PERSON

Professor Heinrich Worth ist Chefarzt an der Medizinischen Klinik I am Klinikum Fürth. Im Jahr 1998 wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Atemwegsliga gewählt. Worth hat mit der Atemliga das Nationale Ambulante Schulungsprogramm für erwachsene Asthmatiker (NASA) mit entwickelt.

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