Ärzte Zeitung, 01.09.2006

Lungenbilder mit digitalem Stethoskop

Neue nichtinvasive Lungenuntersuchung / Mikrophone nehmen Atemvibrationen auf / Software errechnet Bilder

HEIDELBERG (cin). Veränderungen der Lunge auf einem Monitor abbilden und das ganz ohne Strahlung oder teure Untersuchungsverfahren? "Mit einem digitalen Stethoskop können mittels der Vibrationsenergie der Lungen ein dynamisches Computerbild erstellt und Erkrankungen, etwa Lungenentzündungen, erkannt werden", erklärte Dr. Heinrich Becker im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Die kleinen Mikrofone werden am Rücken des Patienten angebracht, und er kann gemeinsam mit seinem Arzt seine Atembewegungen auf dem Monitor verfolgen. Fotos (2): Deep Breeze Medical Diagnostics LTD

Die neue Technik heißt Vibration Response Imaging (VRI). Grundlage ist eine neue Computertechnologie, die 2001 von dem Unternehmen Deep Breeze Medical Diagnostics LTD entwickelt wurde.

Gesunde Lunge in Inspiration: Alle Lungenlappen sind mit Luft gefüllt.

Die Anwendung des VRI ist einfach: Einem sitzenden Patienten werden viele kleine Mikrofone - ähnlich EKG-Elektroden - in sechs parallelen Reihen am Rücken über beiden Lungenflügeln angelegt. "Durch die Atmung und den Fluß der Luft durch die Lungen entstehen Vibrationen", so Becker von der Thoraxklinik in Heidelberg.

"Diese werden vom Lungengewebe und der Brustwand nach außen geleitet und von den Mikrofonen aufgenommen. Diese Informationen werden an die Software des VRI weitervermittelt und in ein Schwarz-Weiß-Bild umgewandelt."

Es entstehe ein dynamisches Bild beider Lungenflügel, bei dem die Inspiration und Exspiration des Patienten aufgezeichnet würden. "Je dunkler das Lungengewebe dargestellt wird, desto besser ist meist die Belüftung des jeweiligen Areals."

Das digitale Stethoskop hat die Größe eines Ultraschallgerätes und einen ähnlichen Preis. Es eignet sich zur Diagnostik etwa von Pneumonien und Stenosen und kann sogar bei bettlägrigen Patienten angewandt werden. Auch Therapieverläufe können damit überprüft werden.

In der Thoraxklinik Heidelberg sind seit April dieses Jahres etwa 50 Patienten in einer Studie mit dem VRI untersucht worden. Die meisten Teilnehmer hatten Atemwegsprobleme, verursacht etwa durch Sekretverstopfungen, Tumoren, Fremdkörper oder Op-Narben. Durch Untersuchungen mit dem VRI vor und nach der Therapie konnte bei den Patienten der Behandlungserfolg kontrolliert werden - und das ohne Röntgenstrahlen oder invasive Methoden.

"Im nächsten Schritt wollen wir das Gerät nun mit anderen Untersuchungsmethoden, etwa Lungenfunktion, CT, klinischer Untersuchung oder Szintigraphie, vergleichen", so Becker. "An der Uni Hannover wird derzeit geprüft, ob mit dem VRI nach Lungentransplantationen frühzeitig Abstoßungsreaktionen erkannt werden können." Kollegen in den USA würden das Gerät derzeit auf Intensivstationen testen, um eine optimale Beatmung der Patienten zu erreichen.

"Das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten des VRI ist groß", sagte der Internist. "Ob in der Arztpraxis oder der Klinik - Erwachsene und auch Kinder können von der nicht-invasiven, strahlungsfreien Untersuchung nur profitieren".

Lediglich bei Patienten, die etwa zu starke Körperbehaarung oder Hauterkrankungen wie schwere Psoriasis oder zu große anatomische Deformitäten des Brustkorbs haben, gestalte sich die Untersuchung schwierig. Es seien zudem keine Komplikationen bekannt.

Weitere Infos gibt es auf der Jahrestagung der European Respiratory Society (ERS) in München im Vortrag von Dr. Heinrich Becker am 3. September um 12.30 in Raum 2. Nach dem Vortrag werden für Kollegen VRI-Untersuchungen bei einem gesunden und lungenkranken Probanden vorgeführt. Zusätzliche Infos auch unter www.deepbreeze.com

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