Ärzte Zeitung online, 02.10.2008

Honig - mehr als nur Süßkram, sondern wirksames Bakterizid

Honig ist ein beliebtes Haus- und Heilmittel schon seit Jahrtausenden. Mittlerweile macht sich auch die Schulmedizin den goldgelben Sirup als Arzneimittel zunutze. Denn es häufen sich die wissenschaftlichen Belege, dass er wirksam Bakterien abtötet.

Von Angela Speth

Honig - mehr als nur Süßkram, sondern wirksames Bakterizid.

Honig - mehr als nur Süßkram, sondern wirksames Bakterizid.

Foto: Ivan Uralskiy© www.fotolia.de

Ein Löffelchen Honig, wenn es im Hals kratzt, ein Glas Milch mit Honig, wenn sich die rechte Bettschwere nicht einstellen will - mit kaum etwas anderem lassen sich für die Lust auf Süßes so gut medizinische Gründe vorschützen wie mit diesem Naturprodukt.

Inzwischen ist die Anwendung nicht mehr auf die Naturheilkunde beschränkt. Dass sich medizinischer Honig etwa zur Behandlung bei rezidivierender Rhinosinusitis eignen könnte, haben jetzt kanadische Forscher bei einem Kongress in Chicago berichtet. Dieser Infekt klingt oft deshalb so schlecht ab, weil Keime auf der Mukosa Biofilme bilden, in denen sie für Antibiotika schwer angreifbar sind. Sehr wohl aber für Honig: Selbst in einer solchen schützenden Schleimschicht wurden damit 60 bis 70 Prozent der für Nebenhöhlenentzündungen typischen Bakterien abgetötet: Pseudomonas aeruginosa und Staphylococcus aureus, ob Methicillin-resistent oder nicht. Für ihre Versuche nutzten die Forscher aus Ottawa Kulturplatten, auf die sie zwei Sorten Honig träufelten: Manuka-Honig aus Neuseeland und Sidr-Honig aus Yemen.

Honig tötet Keime, die bei Rhinosinusitis relevant sind

Die im Vergleich getesteten Antibiotika hingegen, darunter Vancomycin, Gentamycin und Fusidinsäure, waren unwirksam, allein Rifampicin hatte einen schwachen bakteriziden Effekt. Fazit des Studienleiters Dr. Talal Alandejani: Eine topische Therapie mit Honig wäre bei Rhinosinusitis ideal, denn er sei leicht anwendbar, ungiftig und kostengünstig.

Die Wunden krebskranker Kinder heilen schneller

Medizinischer Honig wird bereits klinisch angewandt. Dr. Arne Simon und der Wundpflegespezialist Kai Sofka von der Krebsstation der Universitäts-Kinderklinik Bonn setzen darauf, um krebskranke Kinder mit chronischen Wunden zu behandeln. "Abgestorbenes Gewebe wird schneller abgestoßen, und die Wunde heilt schneller", sagte Sofka in einer Mitteilung der Universität. Der Verbandwechsel bereite den Kindern weniger Schmerzen, weil sich die Umschläge leicht entfernen lassen, ohne neu gebildete Hautschichten zu verletzen. Weiterhin dämpfe der Honig unangenehme Gerüche.

Es ist nicht der Zucker, der antibakteriell wirkt

Welche Wirkstoffe im Honig sind es aber, die das Wachstum von Keimen hemmen? Zwar wurden inzwischen viele Inhaltsstoffe nachgewiesen: Spuren der Vitamine C, B1, B2, B6, Biotin und Pantothensäure, die Mineralstoffe Kalium, Magnesium und Calcium sowie Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Mangan und Chrom. Doch chemisch betrachtet ist Honig nichts anderes als eine übersättigte Lösung aus rund 80 Prozent Zucker und 20 Prozent Wasser. Daher glaubte man lange, antibakteriell wirke der hohe Zuckeranteil, indem er den Keimen lebenswichtiges Wasser entziehe. Doch die britische Mikrobiologin Rose Cooper von der Universität von Wales wies nach, dass Honig, auf Wunden aufgetragen, dreimal besser wirkt als vergleichbare Zuckerlösungen.

Wasserstoffperoxid wird kontinuierlich gebildet

Also ging die Suche nach den bakteriziden Substanzen weiter, und entdeckt wurde Wasserstoffperoxid. Es entsteht permanent in kleinen Mengen aus dem enthaltenen Zucker, und zwar durch das Enzym Glucose-Oxidase, das die Bienen ihrem Sammelgut über den Speichel zusetzen. Der Vorteil gegenüber Wasserstoffperoxid aus der Apotheke: Da es im Honig ununterbrochen nachgebildet wird, reichen bereits geringe Mengen, um Wundbakterien zu töten. Diese niedrigen Konzentrationen sind auch deshalb günstig, weil die Hautzellen geschont werden.

Methylglyoxal macht Manuka-Honig effektiv

Doch Wasserstoffperoxid ist nicht das einzige Antiseptikum im Honig, wie Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden entdeckten. Sie interessierten sich für den Honig des neuseeländischen Teebaums (Manuka-Baum, Leptospermum scoparium), der besonders stark antibakteriell und antimykotisch wirkt. Allerdings enthält er im Gegensatz zu vielen einheimischen Honigsorten weder Glucose-Oxidase noch Wasserstoffperoxid.

Dem Rätsel kamen die Forscher erst auf die Spur, als sie den Honig einige Zeit stehen ließen. Sie fanden Methylglyoxal, das ebenfalls durch Abbau von Zucker entsteht und sich als entzündungshemmend erwies. Ob es von den Pflanzen oder den Bienen stammt, ist ungeklärt. In heimischen Honigsorten kommen ein bis fünf Milligramm pro Kilogramm vor, im Honig des Teebaums dagegen bis 800 mg.

Doch damit dürfte die Suche nach Bakteriziden im Honig noch lange nicht zu Ende sein: Bisher wurden über 180 Begleitstoffe identifiziert.

Tipp rund um Honig

Honig aus dem Supermarkt darf nicht auf offene Wunden gelangen. Zwar können sich Keime im Honig nicht vermehren, dennoch als Verunreinigung vorhanden sein, so dass sich Wunden sogar verschlimmern. Zur Behandlung eignet sich nur speziell gereinigter medizinischer Honig, etwa der in Europa als Medizinprodukt CE-zertifizierte MedihoneyTM. Er besteht aus zwei Sorten: einer, die viel Wasserstoffperoxid bildet, und Manuka-Honig vom neuseeländischen Teebaum. Er wird mit Gammastrahlen sterilisiert, denn dabei bleiben die für die Heilwirkung maßgeblichen Stoffe intakt.

Als Mittel gegen Erkältungen, Magen-Darm-Beschwerden oder Halsschmerzen kann man aber ohne weiteres kommerziellen Honig verwenden. Allerdings sollte man ihn nicht über 40 Grad zu erhitzen, weil dadurch wirksame Enzyme zerstört werden. Kinderärzte empfehlen außerdem, Babys unter zwölf Monaten keinen Honig zu füttern wegen möglicher Clostridium-botulinum-Kontaminationen.

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