Ärzte Zeitung online, 11.11.2009

Procalcitonin-Test ermöglicht gezielte Antibiose

Atemwegsinfektionen: Sieben kontrollierte Studien belegen den Nutzen der PCT-gesteuerten Therapie / 2. Nationales Innovationsforum

BERLIN (gvg). Sieben kontrollierte Studien haben mittlerweile ergeben, dass sich die Antibiotikatherapie bei akuten Atemwegsinfekten mittels Bestimmung des Biomarkers PCT steuern lässt. Die Schweiz hat daraus längst Konsequenzen gezogen. Andere Länder zögern.

Der Serumgehalt des Biomarkers Procalcitonin (PCT) korreliert gut mit der Schwere bakterieller Infekte in den Atemwegen. Er korreliert auch gut mit der Antibiotikawirkung: Fällt er ab, war die Antibiotikagabe effektiv und die Therapie kann zügig beendet werden.

Das zumindest ist ein Konzept, das seit mehreren Jahren vor allem von Schweizer Ärzten propagiert wird (wir berichteten). Dort wurde eine ganze Reihe von Studien gemacht, in denen die Antibiotikasteuerung per PCT ambulant wie stationär untersucht wurde. Die Ergebnisse waren immer ähnlich: Wird PCT genutzt, um zu entscheiden, wann ein Antibiotikum an- oder abgesetzt wird, dann verringert sich die Zahl der Patienten, die Antibiotika erhalten beziehungsweise die Dauer der Therapie. "Am größten ist der Effekt im ambulanten Kontext, wo 75 Prozent Antibiotika eingespart werden", sagte Professor Beat Müller vom Kantonsspital Aarau beim 2. Nationalen Innovationsforum in Berlin.

Er betonte, dass es dabei nicht mehr schwere Komplikationen gebe als beim üblichen Vorgehen. Die neueste PCT-Studie, die Schweizer Multicenter-Studie ProHOSP, wurde vor wenigen Wochen publiziert. 1359 stationär aufgenommene Patienten mit Atemwegsinfekten wurden entweder PCT-gesteuert oder herkömmlich therapiert. Wie gehabt war der Antibiotikaverbrauch in der Interventionsgruppe wesentlich geringer.

"Es gab erneut keinen Unterschied bei den schweren unerwünschten Ereignissen (SAE)", so Müller. Im Trend traten sie mit PCT sogar seltener auf. Das war allerdings nicht signifikant. Hoch signifikant dagegen war der Unterschied bei den antibiotikaassoziierten unerwünschten Wirkungen. 28 Prozent hatten entsprechende Probleme in der Kontrollgruppe. In der PCT-Gruppe war dies bei fast einem Drittel weniger der Fall.

Aufgrund der PCT-Daten von Müller und seinen Kollegen arbeiten zahlreiche Schweizer Krankenhäuser und viele Niedergelassene bei Patienten mit akuten Atemwegsinfekten mittlerweile mit PCT. "Der Antibiotikaverbrauch und die Resistenzen in der Schweiz sind so niedrig wie nirgends sonst auf der Welt", so Müller. Trotzdem fanden sich bisher wenige Nachahmer. In internationalen Leitlinien taucht die PCT-gesteuerte Antibiotikatherapie bisher nicht auf.

Müller zeigte dafür Verständnis: "Das ist schon ein ungewöhnlicher Ansatz." Er kritisierte allerdings, dass sich viele negativ zur PCT-gesteuerten Therapie äußerten, die damit keine eigenen Erfahrungen hätten.

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