Ärzte Zeitung online, 18.04.2010

Vulkanausbruch Update*: Kein Flugverkehr / Tipps für Asthmatiker 

Nach wie vor ruht der Flugverkehr. Eine Ende des Vulkanausbruchs ist nicht in abzusehen. Er könnte noch Wochen dauern. Von der Aschewolke gehen nach Auffassung von Lungenärzten derzeit keine direkten Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung in Deutschland aus. Asthmatiker sollten jedoch vorsichtshalber ein Asthmaspray bereithalten und die weitere Entwicklung verfolgen.

zur Großdarstellung klicken

Bild der gewaltigen Aschewolke, die der Vulkan am Eyjafjallajoekull-Gletscher mit eher zunehmender Aktivität ausstößt. © dpa

Von Thomas Müller und Peter Leiner

Die Gefahr, dass Asthmatiker in Deutschland aufgrund der Vulkaneruption in Island vermehrt Anfälle bekommen, ist nach Auffassung des Umweltmediziners Privatdozent Rudolf A. Jörres von der LMU München extrem unwahrscheinlich: "Ich sehe da keine nennenswerte Gesundheitsgefahr durch die Vulkanasche", sagte Jörrres zur "Ärzte Zeitung". Die Aschewolke ziehe etwa in einer Höhe von sechs Kilometern über Deutschland hinweg. Aufgrund der großen Entfernung von der Eruption sei in Deutschland nicht mit akut hohen Belastungen an einatembaren Partikeln zu rechnen. Zwar erscheine ein geringfügiger Aschefall bei uns möglich, dieser sei dann aber kaum intensiver als etwa ein Niederschlag von Sandpartikeln, die gelegentlich nach Sandstürmen in der Sahara von Nordwinden nach Europa transportiert werden.

Die Aschepartikel sind physiologisch inert

Ausfallen würden vor allem größere Partikel, die physiologisch ähnlich innert seien wie Saharasand. Und Sulfatpartikel, die in der Asche sein könnten, würden über Niederschläge ausgewaschen. "Gesundheitsprobleme durch Vulkanasche sind für Asthmatiker auch deshalb unwahrscheinlich, da die Patienten darauf sowieso nicht allergisch reagieren", betonte Jörres. "Aufgrund dieser Tatsachen ist nicht mit detektierbaren Gesundheitsbelastungen zu rechnen".

Jörres kritisierte auch Medienberichte, in denen von Gesundheitswarnungen in Großbritannien durch die Organisation "Asthma UK" sowie die Umweltschutzbehörde "Health Protection Agency" die Rede war. "Diese hatten die prinzipielle Möglichkeit von Gesundheitseffekten zum Gegenstand, konstatierten im konkreten Fall aber keine Gefahr".

Auch Professor Karl-Christian Bergmann von der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) in Berlin sieht keine gesundheitlichen Probleme für Allergiker. "Die Wolke befindet sich in mehreren Kilometern Höhe", so der Lungenarzt. "Selbst wenn einige Teilchen aus der Staubwolke in die Atemwege gelangen, lösen sie keine akuten Störungen der Gesundheit von Allergikern aus, auch nicht bei Asthmatikern mit vorgeschädigten oberen oder unteren Atemwegen, also Nase und Bronchien."

Die DAK rät dagegen zumindest zur Wachsamkeit bei Atemwegserkrankungen. "Asthmatiker sollten die aktuellen Hinweise in Radio und Fernsehen verfolgen", sagte Rainer Lange, Pressesprecher der DAK in Nordrhein-Westfalen. "Patienten mit dieser Erkrankung sollten das Asthmaspray generell dabei haben, um bei Krisenfällen gewappnet zu sein."

"Dreck in der Atemluft stellt bei chronischen Atemwegserkrankungen immer ein zusätzliches Risiko dar", so auch Dr. Andreas Hellmann, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen. Der Augsburger Spezialist für Lungen- und Bronchialheilkunde empfiehlt Asthmatikern gerade jetzt die regelmäßige Kontrolle per Peak-Flow-Meter und die Anpassung der Medikamente. Obwohl ihm keine Studien zu den gesundheitlichen Belastungen durch Vulkanasche bekannt seien, sollten Risikopatienten bei steigender Belastung vorsichtiger sein. In wie weit aufgrund der herrschenden Wetter- und Strömungsverhältnisse tatsächlich mit einem Ascheregen in Deutschland zu rechnen ist, dazu gab der Deutsche Wetterdienst bislang keine Auskunft.

Rettungshubschrauber durften nicht fliegen

Ob die Aschewolke für Bewohner und Urlauber von Island und Nordeuropa gefährlich werden kann, wird nun von der WHO geprüft. "Die WHO weiß aber noch nicht, welche Gesundheitsrisiken von diesem Vulkanausbruch ausgehen könnten", sagte WHO-Sprecher David Epstein. Noch flögen die Staubpartikel in großer Höhe in der Atmosphäre. Hätten sie sich erst einmal gesetzt, sollten vor allem Menschen mit Problemen der Atmungsorgane in stark betroffenen Regionen zuhause bleiben, riet Epstein.

Zu einem manifesten Gesundheitsproblem entwickelt sich aber das Verkehrschaos, das die Aschewolke auslöst. So durften in Schweden und Norwegen zeitweise keine Rettungshubschrauber oder -flugzeuge mehr abheben - fatal vor allem für Kranke und Verletzte in dünn besiedelten Gebieten. Für Rettungsflieger in Deutschland steht ein Flugverbot derzeit nicht zur Debatte. "Wir fliegen unter 1000 Fuß", sagte eine ADAC-Sprecherin in München. Jedoch könnte die medizinische Versorgung gestrandeter Flugpassagiere zum Problem werden.

Pech und Schwefel aus dem Vulkanschlund

Wird bei einer Vulkaneruption Asche freigesetzt, besteht diese zumeist aus feinen Lava-Fetzen, Glasfragmenten sowie mikroskopisch kleinem vulkanischem Gestein. Die Asche ist weder toxisch noch radioaktiv, allerdings können feine Aschepartikel, wenn sie in hoher Konzentration eingeatmet werden, die Atemwege reizen. Zudem werden bei einer Eruption Wasserdampf, aber auch giftiges Schwefeldioxid, Schwefelwasserstoff sowie Kohlendioxid und andere Gase freigesetzt.

Die meisten Partikel, die über weite Strecken transportiert werden, haben nach Angaben des Umweltmediziners PD Rudolf A. Jörres Durchmesser von 1μm, sie bleiben etwa 220 Tage in der Luft. Die kleinere Fraktion von Partikeln mit 20 μm fällt dagegen schon innerhalb von vier Tagen zu Boden. (mut)

*Update Dienstag
Update Vulkanausbruch Dienstag

*Update Montag:
Lufthansa startet am Montagabend von Frankfurt und München
Flugsicherung verlängert Flugverbote bis Dienstagfrüh
Ministerium: 100 000 deutsche Touristen von Sperrungen im Luftverkehr betroffen
Madrid bietet an: Über Spanien in die USA fliegen
Forschungsflug zu Aschewolke erst nachmittags
Wetterdienst: Tief "Queen" bringt neue Asche

*Update Sonntag
Flugverbot in Deutschland weitgehend bis Montag früh verlängert
Flugverbot löst Ansturm auf die Bahn
Niki Lauda und AUA unternehmen Testflüge - "Fliegerei ist möglich"
Geologe: Ende des Vulkanausbruchs nicht absehbar - mit Links zu aktuellen Bildern
Vulkanausbruch: Luftraum weiter gesperrt - vereinzelt Testflüge

*Update Samstag:
Vulkanausbruch und Aschewolke könnten wochenlang dauern
WHO warnt vor Gesundheitsgefahren durch Vulkanasche
Vulkanasche legt Luftverkehr noch länger lahm
Kein Ende von Vulkan-Ausbruch in Sicht

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Epidemiologische Kaffeesatzleserei?

Verursacht oder verhindert der Konsum von Kaffee Krankheiten? Die Klärung solcher Fragen zur Ernährung ist methodisch ein richtiges Problem. mehr »

Trotz Budgetierung gute Chancen auf Mehrumsatz

Seit vier Jahren steht das hausärztliche Gespräch als eigene Leistung im EBM (03230) . Immer wieder ist daran herumgeschraubt worden. mehr »

Erstmals bekommt ein Kind zwei Hände verpflanzt

Ein achtjähriger Junge mit einer tragischen Krankheitsgeschichte bekommt zwei neue Hände. Die Op ist ein voller Erfolg: Anderthalb Jahre später kann er schreiben, essen und sich selbstständig anziehen. mehr »