Ärzte Zeitung online, 30.07.2010
Weniger Strahlung beim Röntgen, aber unzufriedene
Strahlenschützer
Röntgen ist inzwischen deutlich
strahlensparender als noch vor
einigen Jahren. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat
deshalb
neue und niedrigere Referenzwerte veröffentlicht. Doch
gleichzeitig
bemängelt das Amt, dass in Deutschland noch immer zu viel
geröntgt wird. Ein Blick auf Zahlen und Werte.
Von Gabriele Wagner

In den zehn Jahren bis 2006 hat sich die Zahl der Computertomografien in Deutschland zwar verdoppelt, doch der Anteil an der gesamten radiologischen Diagnostik liegt nur bei rund sieben Prozent.
© Xinhua / imago
SALZGITTER. Das BfS hatte 2003 erstmals
Referenzwerte
für radiologische Untersuchungen eingeführt, wie es
die
Röntgenverordnung fordert. Für
Röntgenuntersuchungen
einschließlich Durchleuchtungen, etwa bei Angiografien,
werden
Obergrenzen für das Dosis-Flächen-Produkt (DFP)
angegeben;
bei CT-Untersuchungen für die mittlere effektive Dosis eines
CT-Schnitts (effektiv gewichtete CT-Dosisindex, CTDIvol)
und das Dosis-Längen-Produkt (DLP). Die Referenzwerte sind
für Kliniken und Praxen gleichermaßen verbindlich.
Die Werte werden gemessen beispielsweise direkt durch Anzeige
des DFP oder von CTDIvol und
DLP. Anschließend müssen sie dokumentiert, von den
zuständigen ärztlichen Stellen
überprüft und an das
BfS gesendet werden. Daraus berechnet das Bundesamt
schließlich
die Referenzwerte.
Moderne Röntgengeräte sorgen für
eine Korrektur der Referenzwerte nach unten
Weil mit modernen Röntgengeräten inzwischen
sehr viel
strahlensparender untersucht werden kann, war eine Korrektur der
Referenzwerte notwendig geworden. Zum Beispiel liegt der Referenzwert
für eine Röntgenuntersuchung des Beckens jetzt um 40
Prozent
unter dem alten Wert aus dem Jahr 2003. Gleichzeitig reduziert sich das
Strahlenrisiko um denselben Prozentsatz, wie das BfS mitteilt.
Stichwort:
Dosis-Längen-Produkt (DLP)
Beim Dosis-Längen-Produkt
DLP wird
gemessen, welche Gesamtdosis ein Patient bei einer CT-Untersuchung
erhält. Das DLP setzt sich zusammen aus der mittleren
effektiven
Dosis CTDIvol und der Länge des
Körperabschnitts (Scanlänge), die untersucht wurde:
DLP = CTDIvol x L
Für Patienten bedeutet das eine deutlich reduzierte
Strahlendosis bei einer einzelnen Röntgenuntersuchung. Dennoch
stieg in den Jahren von 1996 bis 2006 die durchschnittliche
jährliche medizinische Strahlenbelastung pro Einwohner und
Jahr
von 1,5 Millisievert (mSv) auf 1,9 mSv. Warum?
Hauptsächlich liegt dieser Zuwachs an den
CT-Untersuchungen.
Ihre Anzahl hat sich zwischen 1996 und 2006 nahezu verdoppelt: von etwa
0,06 Untersuchungen pro Einwohner und Jahr auf 0,12. Bei der gesamten
medizinischen Strahlenbelastung kamen die CT-Untersuchungen 2006
immerhin auf rund 60 Prozent. Und das, obwohl ihr Anteil an der
radiologischen Diagnostik nur bei etwa sieben Prozent lag.
Deshalb wirkte sich die absolute Abnahme aller
Röntgenuntersuchungen zwischen 1996 und 2006 von etwa 1,8 auf
1,6
pro Einwohner und Jahr auf die jährliche Pro-Kopf-Exposition
letztlich nicht aus. Denn die Reduktion kam allein durch zustande, dass
konventionelle Röntgenuntersuchungen um etwa einem Drittel
abgenommen haben (von vorher etwa 1 auf 0,7 Untersuchungen pro
Einwohner und Jahr).
Stichwort: CTDIvol
Die
mittlere effektive Dosis für eine einzelne CT-Schichtaufnahme
(effektiv gewichtete CT-Dosisindex, CTDIvol)
gibt
die durchschnittliche Dosis für einen CT-Schnitt an. Die CTDIvol
ist je nach Körperabschnitt (Bein, Bauch, Thorax, Kopf)
verschieden.
Der Anstieg der CT-Untersuchungen ist auch deshalb besonders
bemerkenswert, weil sich im selben Zeitraum die Zahl der
MRT-Untersuchungen verdreifacht hat (von 0,2 auf 0,6 pro Einwohner und
Jahr). Man sieht: Die Magnetresonanz-Tomografie hat letztlich nicht zur
Reduktion der CT-Untersuchung (und der jährlichen
Strahlenbelastung) beigetragen. Die Befund gilt zumindest bis zum Jahr
2006, aktuellere Zahlen hat das BfS bislang noch nicht vorgelegt.
Die Strahlenschützer bemängeln nun, dass
nach wie vor
zu viel geröntgt wird und nicht auf Alternativen wie Sonografie
oder MRT zurückgegriffen wird.
Stichwort: Jährliche
zivilisatorische Strahlenbelastung
Die jährliche so genannte
zivilisatorische
Strahlenbelastung beträgt pro Mensch rechnerisch 1,9 mSv.
Diese
Belastung kommt fast ausschließlich durch nuklearmedizinische
und
röntgenologische Diagnostik und Therapien zustande. Die
Belastung
durch Kernkraftwerke (unter 0,01 mSv) oder Fall-out nach dem
Tschernobyl-Unfall (unter 0,012 mSv) ist vergleichsweise gering.
Diese rechnerische Größe schwankt individuell sehr
stark.
Wer mit ionisierenden Strahlen weder untersucht noch behandelt wird,
hat entsprechend keine Belastung. Bei Krebspatienten kann durch
therapeutische Bestrahlungen und CT-Kontrollen die individuelle
Belastung dagegen sehr hoch sein.
Stichwort: Natürliche
Strahlung
Alle
Menschen sind
kosmischer und terrestrischer Strahlung ausgesetzt. Diese
natürliche Strahlenbelastung liegt im Schnitt nach Angaben des
BfS
bei jährlich 2,1 mSv. Den größten Teil
davon macht die
Radonexposition in geschlossenen Räumen mit durchschnittlich
0,9
mSv aus.
Die kosmische Strahlung wird durch die Erdatmosphäre zum Teil
absorbiert. Das heißt, dass in großer Höhe
die
Strahlenbelastung zunimmt. Nach Angaben der Universität
Zürich beträgt sie in 11 000 Metern
Höhe über
dem Meeresspiegel 0,012 mSv. Bei einem 10-stündigen Flug in
dieser
Höhe beträgt die Strahlenbelastung demnach 0,12 mSv.
Das
entspricht etwa der Belastung bei einer Röntgenaufnahme der
HWS.
Effektive Strahlendosis einiger
Röntgenuntersuchungen (in
Millisievert, mSv)
Extremitäten: 0,01mSv
Thorax (pa): 0,02 mSv
HWS: 0,1mSv
BWS 1 mSv
LWS: 2,4 mSv
Schädel: 0,1 mSv
CT Schädel: 2,0 mSv
CT Thorax: 11 mSv
CT Abdomen: 8 mSv
(Quelle: Universität Zürich)
Weitere Informationen im Internet:
Zahlen des BfS zu natürlicher und
zu zivilisatorischer Strahlenbelastung (PDF-Datei)
Die neuen Referenzwerte des BfS (PDF-Datei)

Weitere Beiträge