Ärzte Zeitung online, 14.05.2009

Erster Laptop-Prototyp für Blinde und Sehbehinderte

FRANKFURT / MAIN (eb). Das Team des Forschungsprojektes Hyperbraille hat jetzt erstmals den Prototypen seines neu entwickelten Flächendisplays präsentiert. Die berührempfindliche, zweidimensionale Stiftplatte ist eine Art grafikfähiger Laptop, mit dem Blinde und Sehbehinderte umfassender als bisher grafische Elemente oder auch Tabellen am Bildschirm lesen können.

Der Laptop wurde jetzt auf der Messe SightCity vorgestellt. SightCity ist nach Angaben von Hyperbraille die größte Fachmesse für Blinden- und Sehbehinderten-Hilfsmittel in Deutschland. Neben der Hardware wird im Projekt auch die zur Ansteuerung nötige Software entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei die optimierte Nutzung der gängigen Office- und Internet-Anwendungen, die in der Arbeitswelt eingesetzt werden. Hyperbraille wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) gefördert.

Der Zugang blinder Menschen zu Browsern und Programmen erfolgt heute durch sogenannte assistive Technologien per Sprachausgabe oder Braillezeile. Diese bereiten den Bildschirminhalt so auf, dass alles nacheinander vorgelesen oder ertastet wird. Der Gesamtüberblick ist aber nur schwer herstellbar oder verlangt vom Betroffenen eine hohe Konzentration und Gedächtnisleistung.

Eine der Barrieren beim Umgang mit Text ist der mangelnde Einsatz von Formatierung durch sehende Autoren und der Zugang zu Tabellen. Damit verbunden ist die fehlende Darstellung von Leerräumen und Blatträndern, um nur einige zu nennen.

Uwe Grotz, Vorstand des Hyperbraille Konsortialführers Metec AG, sieht in diesen Barrieren erhebliche Benachteiligungen für Blinde und Sehbehinderte gerade auch im Hinblick auf Bildung und Beruf: "Computer sind heute in unserem Lebens- und Arbeitsumfeld zu einem unverzichtbaren Instrument zur Bewältigung der täglichen Aufgaben geworden. Sehbehinderte Computernutzer sind aber heute noch stark benachteiligt, wenn sie grafische und strukturierte Informationen am Bildschirm erfassen müssen. Es gilt die Voraussetzungen zu schaffen, Blinden und Sehbehinderten viel umfassender als bisher Zugang zu allen am Bildschirm dargestellten Informationen und damit zu umfangreichen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu ermöglichen."

Mit der nun im Projekt Hyperbraille entwickelten berührempfindlichen Stiftplatte wird der Umfang der für blinde Computernutzer beidhändig wahrnehmbaren Informationen drastisch vergrößert. Räumliche Strukturen und grafische Symbole werden als zusätzliche Informationen erfahrbar.

Im Idealfall können Objekte wie Textabsätze, Tabellen, Menüs und andere Elemente der Windows-Benutzeroberfläche vollständig auf der Stiftplatte abgebildet werden. Weiterhin können auch etwa geometrische Zeichnungen, Raumskizzen, Wegepläne und Diagramme blinden Schülern im Unterricht zugänglich gemacht werden. Technische Zeichnungen, elektrische Schaltpläne aber auch die Unified Modeling Language (UML), die zur Softwareentwicklung genutzt wird, könnten blinden Menschen den Zugang zu bisher verschlossenen Berufsfeldern ermöglichen.

Die neue Stiftplatte ersetzt 12 konventionelle Braillezeilen, ermöglicht aber auch direkten Zugang zu grafischen Darstellungen. Die Oberfläche des Displays verfügt über sensitive Eigenschaften, so dass Interaktionen zwischen der Software und dem Anwender via Fingerkuppen möglich werden. So wird es möglich sein, dass vom blinden Anwender Programmfunktionen quasi mit dem Fingerklick ausgelöst werden, der Cursor vergleichbar dem Mauszeiger über das Display bewegt wird, einfache Zeichnungen mit dem Finger als Zeichenstift erstellt werden oder Drag-and-Drop eine blindengerechte Arbeitstechnik wird.

Hyperbraille betritt mit diesen Entwicklungen absolutes Neuland und kann bewährte Bedienkonzepte nicht einfach übernehmen. Die Erstellung der Anwendungsprogramme erfolgt deshalb Schritt für Schritt durch die Erweiterung bekannter Techniken. Nach jedem Entwicklungsschritt erfolgt eine Überprüfung durch blinde Tester.

Zurzeit werden erste Testdurchläufe mit dem Office-Programm Excel und dem Microsoft Internet Explorer durchgeführt. Bis zum Projektende 2010 sollen alle gängigen Office-Programme angewendet werden können. Entsprechende Schulungskonzepte der Deutschen Blindenstudienanstalt machen blinde Menschen mit den neuen Möglichkeiten schnell vertraut.

www.hyperbraille.de

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