Ärzte Zeitung online, 03.11.2010

Netzhautchip: Blinder kann wieder lesen

Zunächst als unheilbar erblindet gelten - dann mit einem Mikrochip wieder sehen können. Das ist für drei Patienten Realität.

Netzhautchip: Blinder kann wieder lesen

Der Netzhautchip aus Tübingen: Blinden kann er offenbar einen Teil ihrer Sehkraft zurückgeben.

© dpa

TÜBINGEN (ars). Besonders eklatant war der Erfolg mit einem Mikrochip bei einem Mann namens Miikka, berichten Wissenschaftler um Professor Eberhart Zrenner von der Augenklinik der Universität Tübingen, die den Mikrochip getestet haben.

Der Mann war wieder imstande, Menschen wahrzunehmen, Wörter zu lesen, Grau-Nuancen sowie geometrische Formen zu unterscheiden und Gegenstände zu identifizieren (Proc R Soc B 2010 online).

Die Teilnehmer an einer Pilotstudie zur klinischen Funktionsfähigkeit des Mikrochips - zwei Männer und eine Frau, alle um die 40 Jahre alt - waren in Kindheit oder Jugend an Retinitis pigmentosa oder Chorioideremie erkrankt und seit mindestens fünf Jahren nicht mehr fähig zu lesen.

Bei diesen erblichen degenerativen Netzhautkrankheiten sterben nur die Photorezeptoren ab, der Sehnerv jedoch bleibt intakt, kann also noch elektrische Impulse weiterleiten - das war eine Voraussetzung für die Operation. Weiter war unabdingbar, früher einmal gesehen, also die Verarbeitung von Bildeindrücken gelernt zu haben.

Nach Vitrektomie setzten Chirurgen einen 3 x 3,1 mm-Mikrochip mit 1500 Photodioden unter die Retina direkt am Gelben Fleck. Das Kabel verlegten sie unter den Temporalmuskel bis zum Ausgang hinter dem Ohr.

Es ist drahtlos verbunden mit einer Kontrolleinheit, die der Patient um den Hals trägt. Das durch die Linse einfallende Licht wird Pixel für Pixel proportional zur Stärke des Signals in Stromreize umgewandelt, dann verstärkt und über die Neuronen ins Gehirn gesendet. Konzipiert haben die Forscher die Apparatur zusammen mit dem Reutlinger Unternehmen Retina Implant.

Etwa eine Woche nach dem Eingriff begannen die Ophthalmologen mit Tests zum Sehvermögen jeweils im On- und Off-Modus. Dabei konnte Miikka 16 verschiedene Buchstaben bis 8 cm Höhe sowie Quadrate, Rechtecke, Dreiecke und Kreise unterscheiden, die Richtung eines Leuchtgitters bestimmen, die Uhr ablesen, Wörter wie LOVE, MOUSE und SUOMI entziffern und Löffel, Messer, Tasse, Apfel oder Banane auf einem Tisch erkennen. Im Lauf der Tage verbesserten sich seine Leistungen noch. Den Wissenschaftlern zufolge kommt der Mikrochip auch bei Makuladegeneration in Frage.

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