Ärzte Zeitung, 26.05.2004

Forscher suchen die Arznei, die Alzheimer verhindern kann

Präventions-Studie mit Substanzen, die bereits in der Demenz-Therapie etabliert sind / Breites Zeitfenster von über 15 Jahren für präventive Maßnahmen

BAD SCHWALBACH (hsr). Demenz-Erkrankungen schon so früh zu erkennen, daß auffällige kognitive Defizite verzögert oder gar verhindert werden können - darum bemühen sich Demenz-Forscher derzeit intensiv. Gleichzeitig wird auch geprüft, ob außer nichtmedikamentösen Maßnahmen wie Gehirntraining oder körperlicher Aktivität auch Arzneien, die sich bei manifester Alzheimer-Demenz bewährt haben, hier präventiv wirken.

Besonderes Augenmerk bei der Suche nach Präventionsmöglichkeiten für Demenz-Erkrankungen gilt derzeit Patienten mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (Mild Cognitive Impairment, MCI). Denn MCI wird immer wieder als Frühform einer Alzheimer-Demenz diskutiert.

Bis zu 34 Prozent der Patienten über 65 Jahren haben womöglich eine MCI. Foto: dpa

"Inwieweit wir im Stadium des MCI präventiv wirklich etwas bewirken können, ist nach dem jetzigen Wissensstand zwar absolut offen", räumte Professor Rainer Hellweg von der Charité in Berlin auf dem 13. Workshop "Zukunftsforum Demenz" in Bad Schwalbach ein. Allerdings gehe der symptomatischen Phase einer Demenz-Erkrankung eine wahrscheinlich 15 bis 30 Jahre dauernde präklinische Phase voraus. Eine Intervention bereits in dieser Krankheitsphase wäre von Vorteil, um die Kaskade pathologischer Vorgänge im Gehirn zu stoppen oder zu verzögern. Es bestehe so etwa bei der Alzheimer-Demenz ein breites Zeitfenster für präventive Maßnahmen.

Mit einer antidementiven Therapie gewinnt man Zeit

Derzeit zugelassen zur Behandlung bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz sind Cholinesterase-Hemmer und bei mittelschweren bis schweren Formen der N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptor-Antagonist Memantine. Sowohl mit Cholinesterase-Hemmern, die das Defizit des Transmitters Acetylcholin mindern, als auch mit dem NMDA-Rezeptor-Antagonist, der die Störungen im glutamatergen System ausgleicht, "gewinnt man Zeit, zögert man die Beeinträchtigungen für die Patienten hinaus, mildert man den Krankheitsverlauf, verbessert man Alltagsaktivität und kognitive Leistungen und reduziert man die Pflegezeiten", sagte Hellweg.

Die Studien zu diesen Wirkstoffen sind, wie der Psychiater auf der Veranstaltung des Unternehmens Merz, das Memantine als Axura® anbietet, erinnert hat, bei Patienten mit manifestem Morbus Alzheimer gemacht worden. Die Bedeutung der Antidementiva für MCI-Patienten sei daher noch unklar, ebenso die von Kombinationstherapien.

Hellweg wies auf eine Placebo-kontrollierte Studie im "Kompetenznetz Demenzen" hin, in der MCI-Patienten entweder nur mit dem Cholinesterasehemmer Galantamin behandelt werden oder mit Galantamin plus Memantine. Die Studie soll Aufschluß bringen, ob und welche Therapie sich bei MCI auf die Rate einer späteren Alzheimer-Demenz auswirkt. Erste Ergebnisse werden in etwa ein bis zwei Jahren erwartet.

Daß eine Kombination von Antidementiva mit unterschiedlichen Wirkansätzen von Nutzen sein kann, dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Studie, die kürzlich im "JAMA" (291, 2004, 317) veröffentlicht worden ist. 404 Alzheimer-Patienten, die zuvor mindestens sechs Monate Donepezil und seit einem Vierteljahr eine stabile Dosis des Cholinesterasehemmers erhalten hatten, wurden 24 Wochen lang zusätzlich mit Memantine oder Placebo behandelt. Die gut verträgliche Kombinationstherapie erhöhte die kognitive Leistungsfähigkeit verglichen mit Placebo signifikant besser. Der Verlust an Alltagsaktivitäten war in dieser Gruppe außerdem deutlich geringer ausgeprägt als bei den nur mit der Monotherapie behandelten Patienten.

STICHWORT

MCI

Patienten mit Mild Cognitive Impairment, kurz MCI, klagen über Gedächtnisstörungen. Sie können auch in psychometrischen Tests, etwa beim Wiederholen von Wortlisten, die ihnen 10 bis 20 Minuten zuvor vorgelegt worden sind, auffällige Ergebnisse haben. Die Kriterien einer Demenz-Erkrankung sind bei MCI aber nicht erfüllt, denn die Betroffenen haben im Alltagsleben keine Einschränkungen.

Von den über 65jährigen haben - je nach Definition des Krankheitsbildes - ein bis 34 Prozent eine MCI. Für sie besteht ein erhöhtes Risiko für eine Demenz-Erkrankung. Jährlich wird nämlich bei 15 Prozent der MCI-Patienten eine Demenz diagnostiziert. Die Gedächtnisstörungen bei MCI können aber auch wieder verschwinden. Das trifft innerhalb von drei Jahre nach der MCI-Diagnose für fünf Prozent der Patienten zu. (mal)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Welche Stoffe in Energy-Drinks wirken auf Herz und Kreislauf?

Energy-Drinks haben eine durchschlagende Wirkung: Es kommt zu signifikanten Verlängerungen des QTc-Intervalls, und der systolische Blutdruck ist erhöht. Möglicherweise ist dafür nicht nur das Koffein verantwortlich. mehr »

Das war der Ärztetag 2017 in Bildern

Das war er nun, der 120 Ärztetag in Freiburg. Unsere Bildergalerie zeigt die schönsten, spannendsten Momente des viertägigen Kongresses. mehr »

Grünes Licht für GOÄ-Reformprozess

Der Deutsche Ärztetag hat den Verhandlungsführern für die GOÄ-Reform am Donnerstagabend grünes Licht für den weiteren Novellierungsprozess gegeben. mehr »