Ärzte Zeitung, 04.03.2005

Wenn man Worte der Zuwendung schreien muß

Demenzkranke, die schwerhörig sind, leiden unter sozialer Isolation / Täglich fünf Minuten Musik wirkt Wunder

Eva Richter vom AWO Seniorenzentrum Vahrenwald in Hannover hört gemeinsam mit einer schwerhörigen, demenzkranken Heimbewohnerin Musik. Foto: Richter

Von Thomas Meißner

FRANKFURT/MAIN. "Musik ist die Kurzschrift des Gefühls", hat der russische Dichter Leo Tolstoi einmal geschrieben. Das mag sich auch Eva Richter vom AWO Seniorenzentrum Vahrenwald in Hannover gedacht haben. Sie betreut Bewohnerinnen, die nicht nur demenzkrank, sondern zudem auch schwerhörig sind. Richter hat es geschafft, mit Musik wieder Zugang zu diesen schwer behinderten Menschen zu bekommen.

"Frau Sch. sitzt zusammengesunken in ihrem Rollstuhl. Sie nimmt kaum Anteil an ihrem Umfeld, hat keinen Blickkontakt mit anderen Bewohnern. Sie spricht kaum, ißt selten etwas ...", schreibt Richter in ihrer Facharbeit zur gerontologischen Pflege schwerhöriger Demenz-Kranker. Oder: "Frau M. spricht sehr laut. Oft äußert sie, daß sie bestohlen wurde. Häufig ruft Frau M. ununterbrochen Tag und Nacht und schläft dann völlig erschöpft mehrere Tage."

Die demenzkranken Frauen können wegen ihrer Schwerhörigkeit kaum noch Kontakt mit anderen Bewohnern oder dem Pflegepersonal aufnehmen. Hörgeräte sind oft unauffindbar verlegt oder beschädigt worden. Angehörige sind selten bereit, erneut viel Geld für ein Gerät auszugeben.

Wer nichts mehr hört, reagiert oft mit Verhaltensstörungen

Der schwerhörige Mensch wird damit radikal von der sozialen Welt abgeschnitten, was zu schweren Verhaltensstörungen führt. Das starke Verlangen nach Sinnesreizen und Bewegung wird durch motorische, akustische und optische Selbststimulation kompensiert, etwa durch Schaukelbewegungen, ständiges Rufen oder illusionäre Verkennungen.

Darauf reagiert die Umgebung oft aggressiv, Angehörige kommen aus Scham nicht mehr zu Besuch, Pfleger sind mit dem ständigen Schlichten von Streit, den wahnhaften Angstanfällen oder der Überwachung überfordert. Die Betroffenen zeigen Rückzugstendenzen, werden apathisch.

Die Doppelbehinderung mit Demenz und Schwerhörigkeit sei in Pflegeheimen nicht selten, sagt Professor Gabriela Stoppe von der Psychiatrischen Uniklinik in Basel. "Was bedeuten wohl Worte der Zuwendung, wenn man sie schreien muß, statt sie sanft zu vermitteln?"

Eva Richter hat einen überraschend simplen Weg gefunden, den Teufelskreis aus Demenz, Schwerhörigkeit und emotionalem Verhungern zu durchbrechen, und zwar durch akustische Stimulation per Kopfhörer. Die schwerhörigen Bewohner werden täglich für fünf bis 15 Minuten allmählich wieder an den Höreindruck gewöhnt. Besonders geeignet dafür seien Musikstücke der Medizinischen Resonanztherapie Musik®, bei der keine schnellen Wechsel der Lautstärke und des Rhythmus vorkommen, so Richter. Sie beginnt immer sehr leise und steigert die Lautstärke allmählich.

Dabei sitzt die Betreuerin körpernah bei den Demenz-Kranken, klopft gegebenenfalls leicht den Takt mit der Hand an deren Körper. Dadurch wird ein Gefühl der Gemeinsamkeit geschaffen. Das ist wichtig, da bei der Musik Gefühle entstehen, auf die die Betreuer mitunter reagieren müssen.

"Bei Frau M. setzte gleich zu Beginn eine starke Beruhigung ein. Sie schloß die Augen und atmete sehr ruhig", so Richters Erfahrungen. Bei einer anderen Frau, die früher ständig laut stöhnte, nahm diese Angewohnheit nach und nach ab und war nach einem Monat fast vollständig verschwunden. "Auch spricht sie sehr viel und wirkt allgemein aktiver", so Richter.

Bei einer dritten fast tauben Dame war nur eine CD mit alter Schlagermusik erfolgreich: "Frau K. hat sofort fröhlich gelacht, sehr konzentriert zugehört und mitgesungen." Lieder sind Teil des Langzeitgedächtnisses und werden von Dementen oft vollständig erinnert.

Pflegeaufwand hat sich durch die Resonanztherapie reduziert

Inzwischen nehmen die schwerhörigen Heimbewohnerinnen auch wieder an vielen Aktivitäten teil, was früher undenkbar war. Die selbststimulierenden Äußerungen hätten sich erheblich gebessert, so Richter. Das hat auch Auswirkungen auf das Personal.

So würden die Hörgeräte einer Dame besonders gründlich gepflegt und eingestellt, seit der Zusammenhang mit dem Verhalten der Frau erkannt worden sei. Insgesamt hätten sich der Pflegeaufwand und die Versorgungszeiten erheblich reduziert.

Dies ist freilich nicht allein auf die Musik, sondern auch auf weitere stimulierende Maßnahmen im Heim zurückzuführen. Richter ist jetzt für ihr Konzept und ihr Engagement von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP) mit dem "Förderpreis zur Optimierung der Pflege psychisch kranker alter Menschen" (FOPPAM) ausgezeichnet worden. Der mit 5000 Euro dotierte und vom Unternehmen Merz Pharmaceuticals gestiftete Preis wurde in diesem Jahr erstmals ungeteilt vergeben.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.dggpp.de

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