Ärzte Zeitung, 10.11.2005

INTERVIEW

"Wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich BSE-Erreger sind"

Vor fünf Jahren wurde in Deutschland das erste Rind mit BSE entdeckt. Die Aufregung hat sich längst gelegt. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh, berichtet Dr. Walter Schulz-Schaeffer von der deutschen Creutzfeldt-Jakob-Überwachungsstelle in Göttingen. So weiß man noch immer zu wenig über die Übertragungswege, sagte Schulz-Schaeffer im Gespräch mit Nicola Siegmund-Schultze von der "Ärzte Zeitung".

   
 
"In Deutschland konnte bislang keine vCJK-Erkrankung gefunden werden. Aber wir müssen wachsam bleiben und die Sicherheits-
maßnahmen beibehalten."
 
(Dr. Walter Schulz-Schaeffer)
(Foto:nsi)
   

Ärzte Zeitung: In Großbritannien wurde jetzt ein Gesetz gelockert, welches zum Schutz vor der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante (vCJK) die Schlachtung und Verwertung von Rindern älter als 30 Monate verboten hatte. Kann jetzt tatsächlich Entwarnung gegeben werden?

Schulz-Schaeffer: Die Zahl der BSE-kranken Rinder in Europa ist in den letzten Jahren erfreulicherweise gesunken, und die Zahl der neu an vCJK erkrankten Menschen ist mit zehn bis zwanzig pro Jahr weltweit stabil geblieben. Das sind die guten Nachrichten. Die schlechte Nachricht ist: Wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich der Erreger für Menschen tatsächlich ist, da die Inkubationszeit zwischen der Übertragung des Erregers vom Tier auf den Menschen bis zu 25 oder 30 Jahren betragen kann.

Ärzte Zeitung: Steht Ihrer Meinung nach definitiv fest, daß Menschen von BSE-infizierten Rindern eine spongiforme Enzephalopathie bekommen können?

Schulz-Schaeffer: Daran gibt es aus meiner Sicht keinen vernünftigen Zweifel mehr. Wir wissen aber nicht, ob durch BSE-Erreger beim Menschen nur die derzeit erkannte vCJK hervorgerufen werden kann oder ob die Erreger nicht zusätzliche Formen der Erkrankung hervorrufen, die sich klinisch nicht von sporadischer CJK unterscheiden lassen.

Ärzte Zeitung: Wenn das so wäre, könnte es theoretisch auch in Deutschland durch BSE verursachte Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung bei Menschen gegeben haben, die bisher nicht erkannt wurden. Wie sieht es in Deutschland aus mit der Zahl der CJK-Neuerkrankungen?

Schulz-Schaeffer: In den zwölf Jahren, in denen es eine aktive klinische Überwachung für CJK in Deutschland gibt, ist ein Anstieg der Inzidenz von einer Erkrankung pro einer Million Einwohner auf 1,5 pro Million Einwohner registriert worden. Das liegt noch innerhalb statistischen Schwankungsbreite. In Deutschland konnte bislang keine vCJK-Erkrankung gefunden werden. Aber wir müssen wachsam bleiben. Wir wissen noch nicht, wie das ganze Spektrum der BSE-Übertragung auf Menschen aussehen kann. Wir haben da Erkenntnislücken, und deshalb müssen wir jede Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung, die in Deutschland auftritt, aktiv untersuchen. Und wir müssen die Sicherheitsmaßnahmen beibehalten, die vermeiden sollen, daß verseuchtes Material in Lebens- oder Arzneimittel gelangen könnte.

Ärzte Zeitung: Halten Sie die in Deutschland geltenden Bestimmungen für ausreichend?

Schulz-Schaeffer: Rinder, die älter als 24 Monate sind, müssen nach dem Schlachten mit einem Schnelltest auf BSE untersucht werden. Diese Maßnahme sollte auf jeden Fall beibehalten werden. Der Schnelltest wird allerdings erst in der späten Inkubations- oder in der Krankheitsphase positiv. Daraus ergibt sich: Wir wissen nicht, wie viele Tiere tatsächlich infiziert und infektiös sind. Und deshalb sollte auch in Deutschland eine europäische Richtlinie über die Tötungs- und Zerlegungsmethoden von Schlachttieren umgesetzt werden.

Ärzte Zeitung: Was bedeutet das konkret?

Schulz-Schaeffer: In Deutschland wird zum Töten der Tiere immer noch der Bolzenschuß verwendet, bei dem Hirngewebe, also ein Risikoorgan, versprengt werden kann. Dasselbe kann beim Zerlegen der Tiere mit einen Sagittalschnitt durchs Rückenmark passieren. Zu beiden Methoden gibt es Alternativen, wenn auch nicht ganz kostenneutral. Aber diese Kosten sollte man im Sinne des vorbeugenden Gesundheitsschutzes nicht scheuen.

Ärzte Zeitung: Gibt es inzwischen einen sicheren Bluttest auf BSE bei Rindern?

Schulz-Schaeffer: Bislang wurde weder für Menschen, noch für Tiere ein Lebendtest auf spongiforme Enzephalopathien zugelassen. Aber es sind verschiedene Ansätze dazu in Erprobung, und ich bin zuversichtlich, daß ein solcher Test über kurz oder lang verfügbar sein wird.

Ärzte Zeitung: Seit diesem Jahr ist bekannt, daß nierenkranke, Prionen-infizierte Mäuse die Erreger mit dem Urin ausscheiden und so gesunde Mäuse infizieren können. Welche Bedeutung hat diese Erkenntnis ?

Schulz-Schaeffer: Sie zeigt, daß es bei Tieren möglicherweise noch andere als die bislang vermuteten Übertragungswege geben könnte. Bei Schafen mit der Prionkrankheit Scrapie ist grundsätzlich das lymphatische System infektiös - im Gegensatz zum Menschen, wo innere Organe nur bei der neuen Variante der CJK beteiligt sind.

Ärzte Zeitung: Wie sehen Sie die Chancen für eine Therapie bei CJK ?

Schulz-Schaeffer: Eine wirklich effektive Therapie ist wahrscheinlich nur möglich im frühen Krankheitsstadium. Voraussetzung wäre eine Methode zur Früherkennung, die es bislang noch nicht gibt. Versucht wird etwa, die Bildung von Prion-Aggregaten im Gehirn zu hemmen oder solche Aggregate verstärkt abzubauen.

Weitere Informationen gibt es unter www.prionforschung.de

STICHWORT Aus dem Springer Lexikon Medizin

BSE und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit

Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE): Seit 1985 epidemisch auftretende Enzephalopathie von Rindern, ursprünglich in Großbritannien durch Verfütterung von mit Scrapie-infizierten Schafskadavern hervorgerufen. Durch den Verzehr von Rindfleisch (Gehirn, Rückenmark, Innereien) wurden die Erreger (Prionen) auf Menschen übertragen und es kam zur sogenannten CJK-Variante.

Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK): Durch Prionen verursachte, seltene Erkrankung des ZNS mit fortschreitender Degeneration und tödlichem Ausgang. In Mitteleuropa beträgt die Inzidenz 0,5-1 pro 1 Million Einwohner pro Jahr. 85 Prozent der Erkrankungen treten sporadisch auf, 15 Prozent sind erblich bedingt. Die Inkubationszeit beträgt 10 bis 30 Jahre, der Krankheitsverlauf dauert meist weniger als 1 Jahr, bei der neuen Variante (vCJK) auch kürzer.

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