Ärzte Zeitung, 27.09.2006

Frühe Alzheimer-Therapie lohnt sich

Kognitive Leistungen sind bei frühem Start der Memantine-Therapie besser als bei spätem Beginn

MANNHEIM (mut). Patienten mit Morbus Alzheimer sollten möglichst früh mit Antidementiva behandelt werden. Bei verzögertem Therapiestart erreichen die Patienten nicht mehr die kognitive Leistung von Patienten mit frühem Therapiestart. Für einige Patienten kommt auch eine Kombinationstherapie mit Memantine plus Cholinesterase-Hemmer infrage.

Zwei Patienten im Pflegeheim. Eine Therapie kann den Abbau der kognitiven Leistungen verzögern. Foto: F. Rumpenhorst, dpa

Studien mit Memantine haben ergeben, daß es sich lohnt, Alzheimer-Kranke möglichst früh zu behandeln, hat Professor Matthias Riepe von der Charité Berlin beim Neurologen-Kongreß in Mannheim berichtet.

So wurden in einer Studie 252 Alzheimer-Patienten mit moderater bis schwerer Demenz zunächst 28 Wochen mit Memantine oder mit Placebo behandelt. Dabei war die kognitive Leistung - gemessen mit der Skala SIB (Severe Impairment Battery) - mit Memantine deutlich besser als mit Placebo. Gesunde erreichen auf dieser Skala maximal 100 Punkte.

Deutlicher Vorteil von zwölf versus sechs Monaten Therapie

Mit Memantine hatte der SIB-Wert nach 28 Wochen ausgehend von 66 Punkten um etwa vier Punkte abgenommen, mit Placebo um mehr als neun Punkte. Anschließend wurden alle Patienten weitere 24 Wochen mit Memantine behandelt.

Die Patienten, die zunächst Placebo erhalten hatten, konnten den Vorsprung der anderen Studienteilnehmer jedoch nicht aufholen, so Riepe auf einer Veranstaltung des Unternehmens Merz, das Memantine als Axura® anbietet: Bei Studienende schnitten die Patienten, die insgesamt ein Jahr lang Memantine erhalten hatten, auf der SIB-Skala im Schnitt noch immer um über einen Punkt besser ab als die Patienten, die nur 24 Wochen lang Memantine bekommen hatten.

Daß sich eine frühe Therapie lohnt, zeigt auch eine neue Studie mit über 400 Patienten mit nur leichter Demenz (Am J Geriatr 14, 2006, 704). Im ADAS-cog-Test mit maximal 70 Punkten (sehr schwere Demenz) hatten die Patienten zu Studienbeginn einen Wert von 27 Punkten. Nach 24 Wochen Therapie hatte sich der Wert mit Memantine um 0,8 Punkte verbessert, mit Placebo aber um 1,1 Punkte verschlechtert. Memantine ist bislang erst bei moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz zugelassen.

Inzwischen, so Riepe, gibt es auch Hinweise, daß sich eine Kombitherapie mit einem Cholinesterase-Hemmer und Memantine lohnt. Er wies auf eine Studie mit 404 Patienten mit moderater bis schwerer Alzheimer-Demenz hin, die bereits mit dem Cholinesterase-Hemmer Donepezil behandelt wurden. Diese Patienten erhielten nun 24 Wochen lang zusätzlich Memantine oder Placebo.

Kombitherapie war in Studie effektiver als Monotherapie

Gemessen mit der SIB-Skala verbesserten sich die kognitiven Fähigkeiten mit der Memantine/Donepezil-Kombination um 0,9 Punkte, mit Donepezil plus Placebo sank der Wert dagegen um 2,5 Punkte.

Aufgrund solcher Studien erwägt Riepe inzwischen bei immer mehr Patienten eine Kombitherapie, vor allem, wenn die Krankheit in einem sehr frühen Alter beginnt oder sehr rasch voranschreitet. Riepe gab jedoch zu bedenken, daß selbst eine Monotherapie mit einem Antidementivum in Deutschland noch immer die Ausnahme und nicht die Regel ist.

STICHWORT

SIB-Test

Bezeichnung: SIB steht für Severe Impairment Battery - Instrumentarium bei schwerwiegender Beeinträchtigung.

Verwendung: Mit dem SIB-Test wird die kognitive Leistung bei Patienten mit schwerer Demenz geprüft. Für sie sind die üblichen kognitiven Tests wie der ADAS-cog-Test wenig aussagekräftig. Im SIB-Test wird etwa geschaut, ob die Patienten noch ihren Namen nennen können oder wissen, in welcher Stadt sie sich befinden, oder ob sie eine Farbe korrekt benennen können.

Umfang: Die SIB-Skala reicht von 0 (schwere Demenz) bis 100 Punkte.

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