Ärzte Zeitung, 09.02.2007

Mit Antidementiva gegen nichtkognitive Störungen

Experte: Neuroleptika nur bei schweren Störungen / Verhaltenstherapie und Angehörigenschulungen entlasten

BERLIN (ugr). Nichtkognitive Störungen treten bei allen Demenzpatienten im Verlauf der Erkrankung auf. Medikamente gegen solche Störungen sollten jedoch nur dann verordnet werden, wenn die Patienten sehr aggressiv sind, schwere Psychosen oder Schlafstörungen haben oder nachts häufig umherwandern. Hilfreich sind zudem Verhaltenstherapien und Schulungen für Angehörige.

Demenzpatientin mit Hausärztin - Antidementiva helfen auch bei Depressionen und Apathie. Foto: klaro

Praktisch kein Demenzpatient bleibt frei von Unruhezuständen, Veränderungen des Sozialverhaltens und Antriebsstörungen. "Sehr häufig entwickeln sich Depressionen, Aggressionen, Wahnsymptome, Halluzinationen, Ängste oder Apathie", hat Privatdozent Martin Haupt vom Neuro-Centrum in Düsseldorf berichtet. Nicht immer seien die Symptome so stark ausgeprägt, dass Medikamente nötig sind.

Wenn jedoch welche verordnet werden, dann am besten nur so lange, wie die Symptome auch tatsächlich beobachtet werden. Antriebsstörungen persistieren dabei meist länger als Wahnsymptome oder Depressionen. Der Nutzen einer prophylaktischen Therapie mit Neuroleptika oder Antidepressiva sei nicht belegt, so Haupt auf einem Psychiatrie-Kongress in Berlin.

Jedoch sei bekannt, dass Antidementiva sich nicht nur günstig auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken. In Studien mit Cholinesterase-Hemmern gingen auch Verhaltensstörungen, Depressionen, Wahn und Apathie im Vergleich zu Placebo deutlich zurück. Gute Daten gebe es auch zu dem atypischen Neuroleptikum Risperidon.

Damit ließ sich in Studien die Aggressivität stärker reduzieren als mit Haloperidol oder Placebo; bei Depressionen habe es jedoch keinen Vorteil für die Substanz gegeben. Insgesamt plädierte Haupt für eine zurückhaltende Verwendung von Neuroleptika bei Demenzpatienten.

Bei den nichtmedikamentösen Optionen seien vor allem Verhaltenstherapie und Schulungen für Angehörige nützlich. In einer Studie nahmen etwa 153 Patienten an einem motorischen Übungsprogramm zu Hause teil. Die Angehörigen erhielten Psychoedukation. Die Patienten fühlten sich anschließen körperlich gesünder und weniger depressiv als zuvor, die Angehörigen fühlten sich deutlich entlastet.

STICHWORT

Demenz-Prävalenz

In Deutschland sind etwa eine Million Menschen demenzkrank. Nach Schätzungen erkranken 200 000 Menschen jedes Jahr neu an einer Demenz. Etwa 60 Prozent haben eine Alzheimer-Demenz, 20 Prozent eine vaskuläre Demenz und 20 Prozent eine Mischform aus Alzheimer- und vaskulärer Demenz oder eine seltene Demenzform. 97 Prozent der Demenzkranken sind über 65 Jahre alt. Die Prävalenz bei den 65- bis 69-jährigen Menschen liegt bei etwa 2 Prozent, bei den über 90-jährigen liegt sie bereits bei etwa 30 Prozent. Die Zahl der Demenzkranken weltweit wird auf 24 Millionen geschätzt. Bis zum Jahr 2040 wird diese Zahl voraussichtlich auf über 80 Millionen Menschen steigen. (mut)

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