Ärzte Zeitung, 01.10.2007

"Was kann ich dieser Patientin bieten?"

In Heidelberg diskutieren Hausärzte über effektive Versorgung von Demenz-Patienten / Enge Kooperation mit Angehörigen

An einen bestimmten Demenzpatienten kann sich der Allgemeinmediziner Dr. Valentin Hoß besonders erinnern. 1993 kam der damals 52jährige Mann in seine Praxis, begleitet von seiner Ehefrau. "Er fühle sich nicht krank", sagte der gelernte Gipser seinem Arzt damals. Er vergesse ab und zu etwas, aber das ginge anderen schließlich auch so. Seine Frau übertreibe, wenn sie ihn als krank bezeichne. Kapp vier Jahre später starb der Patient an Alzheimer.

Von Marion Lisson

Demenz-Patienten werden meist zu Hause versorgt - eine Herausforderung für Hausärzte. Foto: Klaro

"Schon vor fast 15 Jahren fragte ich mich, was kann ich diesen an sich noch jungen Demenz-Patienten eigentlich bieten?", erläuterte Valentin Hoß beim Tag der Allgemeinmedizin, der von der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung der Medizinischen Universitätsklinik organisiert wurde.

Etwa 1,2 Millionen überwiegend ältere Menschen sind von einer Demenzerkrankung wie der Alzheimer Krankheit betroffen. Bis zum Jahre 2040 soll sich diese Zahl nach Angaben von Experten wahrscheinlich verdoppeln.

Vertrauen in die Leitlinie Demenz der DEGAM

Es lohne sich, sich mit dem Thema Demenz intensiv auseinandersetzen, bekräftigt Dr. Werner Reininghaus, der in Knittlingen bei Karlsruhe seine Praxis hat. Die Prävalenz der Demenz bei über 65jährigen liege bereits bei bis zu 10 Prozent. Von der Leitlinie Demenz, wie sie zur Zeit von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) erarbeitet wird, versprechen sich beide Referenten künftig eine Unterstützung bei der hausärztlichen Arbeit.

"Es geht darum, Demenzerkrankungen so früh wie möglich zu diagnostizieren, um noch mit den Patienten selbst und nicht nur mit ihren Angehörigen Therapiepläne besprechen und festlegen zu können", macht Hoß deutlich. Sei die Erkrankung fortgeschritten sei keine Kommunikation mit dem Demenzkranken mehr möglich, meint auch Reininghaus.

Ziele der Therapie sollten eine Verzögerung der Progression und die Verbesserung der Versorgungssituation von Patienten und Angehörigen sein.

Die Demenz eines Angehörigen verändere oft das Leben der gesamten Familie - darüber waren sich die Teilnehmer eines Workshops in Heidelberg einig. Meist seien die Angehörigen durch die intensive Betreuung ihres kranken Familienmitgliedes sehr schnell selbst überfordert. Besonders wenn die Krankheit den dritten Schweregrad (Mini-Mental-Score unter 10) - das Endstadium der Demenz erreicht habe - bedürften Demenzpatienten nicht nur einer oft aufopferungsvollen Pflege, sondern auch einer geriatrisch-palliativen Betreuung mit differenziert ärztlicher Behandlung. Diese Patienten seien nicht mehr in der Lage, Gedankengänge nachzuvollziehen.

Drei Schweregradeinteilungen sieht die DEGAM-Leitlinie Demenz für Patienten mit dieser Erkrankung vor. Während Patienten im leichten Schweregrad (Mini-Mental-Score unter 23-24) komplizierte Aufgaben nicht mehr lösen können, sind Patienten mit dem mittleren Schweregrad (Mini-Mental-Score unter 20) auch nicht mehr in der Lage, zum Teil einfache Aufgaben zu bewältigen.

Seit 1999 regelmäßige Regressandrohungen

Die medikamentöse Therapie der Alzheimer Patienten sei teuer, gab einer der Hausärzte in Heidelberg zu bedenken. "Wie vereinbaren Sie bei einem Alzheimerpatienten die Verordnungskosten im pharmakologischen Bereich mit ihrem Arzneimittelbudget?", fragte er die Moderatoren direkt nach den wirtschaftlichen Konsequenzen.

Noch wenige Minuten zuvor hatte Reininghaus berichtet, dass die Kosten beispielsweise für eine Behandlung eines Alzheimer-Patienten mit Cholinesterase-Hemmer 400 Euro pro Fall und Quartal kosten würden. Hoß winkte ab. "Ich werde seit 1999 jedes Mal ständig zum Regress aufgefordert. Doch bisher konnte ich den Regress immer abwenden, in dem ich meine veranlassten Leistungen begründet habe", erläutert der Allgemeinarzt aus Buchen.

Neues Konzept: Klinik mit Dorfstraße

Seit Jahren, genauer seit 1993, als der 52jährige Gipser in seine Praxis kam, engagiert sich Hoß im Neckar-Odenwald-Kreis für die Versorgung von dementen Patienten. Gemeinsam mit Kollegen, Selbsthilfegruppen und Hospizgruppen sowie Vertretern der Kirche gründete er vor einem halben Jahr den Arbeitskreis Gerontopsychiatrie e.V. Derzeit wird in Buchen auch das Helmuth-Galda-Haus mit 71 Pflegeplätzen für demente Patienten errichtet.

Die Klinik sei nach dem Dorfstraßen-Prinzip gebaut, informierte Hoß. Innerhalb der Anlage könnten die Kranken in Gängen wandeln und in eigens angelegten Nischen und Sitzecken verweilen. "100 Euro pro Monat kostet der Aufenthalt hier mehr als gewöhnlich", so Hoß. Jeder müsse für sich selbst entscheiden, in wie fern dieser Betrag durch die adäquate Versorgung der Demenzpatienten gerechtfertig sei.

STICHWORT

Demenz in Deutschland

Dementielle Erkrankungen werden als Folge der demographischen Entwicklung auch und gerade in Deutschland schrittweise zu einem der zentralen Probleme des Gesundheitssystems. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung wird etwa jeder vierte Deutsche Symptome einer Demenz entwickeln. Derzeit sind in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen wegen einer Demenz auf Hilfe angewiesen. 2040 wird diese Zahl auf 2,2 Millionen steigen - bei zunehmender Lebenserwartung ist eine noch höhere Steigerung möglich.

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