Ärzte Zeitung, 06.03.2008

Welchen Nutzen hat Ginkgo bei Demenz?

IQWiG-Vorbericht: Phytotherapeutikum hat tendenziell positive Effekte / Hersteller kritisieren Arbeitsmethodik

NEU-ISENBURG (run). Nutzen Präparate mit Ginkgo biloba bei Alzheimer-Demenz? Eine generelle Aussage zu dieser Frage sei nicht möglich. Zu diesem Fazit kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in einem neuen Vorbericht. Die Begründung: Die Datenlage sei zu heterogen.

 Welchen Nutzen hat Ginkgo bei Demenz?

Eine Kollegin spricht mit ihrem Demenz-Patienten. Ginkgo-Präparate werden von solchen Kranken oft angewandt.

Foto: Klaro

Bei ihrer Recherche befand das IQWiG nur sechs vollständig abgeschlossene und größtenteils publizierte Studien für - nach den eigenen Kriterien - wissenschaftlich ausreichend zur Nutzenbewertung. Insgesamt haben daran 1384 Patienten mit einer Alzheimer-Demenz teilgenommen. Bei allen Studien wurde der standardisierte Ginkgo-biloba-Extrakt EGb 761 des Herstellers Dr. Willmar Schwabe über einen Zeitraum von mindestens 16 Wochen verwendet - entweder im Vergleich zu Placebo oder in einer Studie im Vergleich zu Donepezil und zur Kombination aus Donepezil plus Ginkgo.

Wie das IQWiG erläutert, zeigte sich für das Therapieziel "Aktivitäten des täglichen Lebens" und bei den psychopathologischen Symptomen hinsichtlich Depressionen eine Tendenz zugunsten der Ginkgo-Therapie. Ebenso gibt es Hinweise auf günstige Effekte beim allgemeinen klinischen Gesamteindruck. Dies basiere allerdings alles auf sehr heterogenen Ergebnissen, so dass zum Ausmaß eines möglichen Effekts keine Aussage getroffen werden könne, so das Institut. Für die anderen patientenrelevanten Therapieziele gebe es keine Hinweise weder auf eine positive noch eine negative Beeinflussung durch Ginkgo, da auch hier die Datenlage sehr heterogen sein.

Nach Ansicht des IQWiG sind weitere Studien nötig, die speziell auf Subgruppen von Alzheimer-Patienten ausgerichtet sein sollten, um genauere Aussagen zum Nutzen einer Ginkgo-Therapie treffen zu können. Als Alternative kämen Vergleichsstudien zu anderen Antidementiva mit gesichertem Nutzen infrage.

Insbesondere gegen das Argument der Datenheterogenität wehrt sich das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe. In einer Stellungnahme, die der "Ärzte Zeitung" vorliegt, wird hierzu die Arbeitsmethodik des IQWiG bemängelt. Viele Fragen zum Nutzen des Ginkgo-Extrakt EGb 761 würden mit nicht angemessenen Verfahrensweisen beleuchtet und ließen den klar vorliegenden Hinweisen zur unterschiedlichen Zielstellung der Studien zu wenig Raum, heißt es. Bei der mathematischen Zusammenschau des Vorberichts gingen dann die günstigen Wirkungen zum Teil verloren.

Das Unternehmen HEXAL bemängelt zudem die Studienauswahl. So sei einerseits eine kürzlich in der Zeitschrift "Arzneimittelforschung (Drug Research) 2007" erschienene Studie mit 400 Demenzpatienten und 22-wöchiger Behandlungsphase mit einem Ginkgo-Extrakt, welche die Wirksamkeit bestätigte, nicht berücksichtigt worden.

Andererseits sei eine Studie (Schneider et al.) einbezogen worden, welche von dem Autor selbst als "nicht schlüssig" beurteilt worden war. Nach Ansicht des Unternehmens wäre es ein großer Verlust an Lebensqualität, wenn aufgrund der Einschätzung der IQWiG-Arbeitsgruppe Patienten eine gute und bewährte Therapie bei Alzheimer-Demenz verweigert würde, die von anderen Institutionen und Wissenschaftlern als wirksam und verträglich beurteilt worden sei.

Der IQWiG-Vorbericht zu ginkgohaltigen Präparaten ist ein vorläufiges Teilergebnis eines umfassenden Auftrags des Gemeinsamen Bundesausschusses, Therapiemöglichkeiten bei Alzheimer-Demenz zu bewerten. Bereits im April 2007 ist ein Abschlussbericht zu Cholinesterasehemmern erschienen. Weitere Teilaufträge des IQWiG befassen sich mit dem Wirkstoff Memantin und mit nichtmedikamentösen Therapien.

Der Vorbericht ist veröffentlicht unter www.iqwig.de/index.402.html

Therapieziele als Kriterien der Wirksamkeit

  • Aktivitäten des täglichen Lebens
  • begleitende Psychopathologie
  • gesundheitsbezogene Lebensqualität
  • Institutionalisierung (vollstationäre Pflege)
  • Kognition
  • Todesfälle und unerwünschte Ereignisse
  • Lebensqualität betreuender Angehöriger und Betreuungsaufwand
  • klinischer Gesamteindruck

Lesen Sie dazu auch:
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