Ärzte Zeitung online, 23.04.2008

Nur jeder 10. Demenzkranke bekommt moderne Diagnostik

BERLIN (dpa). Weniger als zehn Prozent der Demenz-Patienten in Deutschland erhalten nach Angaben von Alzheimer-Forschern eine Diagnose mit Hilfe moderner Technik. Offenbar stellen bei den meisten Patienten nicht Ärzte, sondern Pflegepersonal etwa in Heimen die Diagnose.

Volumenunterschiede im Hirn bei Alzheimer und MCI. Grundlage sind MRT-Daten. In den roten Arealen haben Alzheimer-Patienten die stärkste Atrophie.

Foto: Apostolova / Thompson / UCLA

Aus Kostengründen würden nur in sehr wenigen Fällen bildgebende Verfahren wie zum Beispiel die Kernspintomographie eingesetzt, kritisierte Professor Jürgen Möller, Vorsitzender des Vereins Hirnliga, am Mittwoch in Berlin. Bildgebende Verfahren könnten Veränderungen im Gehirn früh belegen und erleichterten die Wahl einer Therapie. In Deutschland haben nach Angaben der Hirnliga bereits 1,5 Millionen Menschen Morbus Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen.

"Wir haben bei Demenzen eine gigantische Unterdiagnostik", sagte Möller. Nach Schätzungen des Verbandes werden bisher nur 20 Prozent aller Demenz-Erkrankungen von Ärzten diagnostiziert. In vielen Fällen erfolge die Einstufung vom Pflegepersonal in Heimen, manchmal auch gar nicht.

Hausärzte, an die sich mehr als 80 Prozent der Menschen mit Gedächtnisproblemen wenden, stecken nach Meinung des Verbandes in einem großen Dilemma. Sie verfügten nicht über die nötige moderne Technik für eine sehr gute Diagnostik und auch nicht über die Budgets, um viele Demenzkranke zu versorgen. Kliniken mit moderner Technik aber könnten sich nur um kleine Patientengruppen kümmern. So erhielten viele Patienten nicht die bestmögliche Diagnose und oft auch keine angemessene Therapie.

"Eine frühzeitige, genaue Diagnose ist sehr wichtig, um eine Demenz behandeln zu können", betonte Möller. Die Krankheit ist zwar nach wie vor nicht heilbar, lässt sich aber häufig durch Medikamente verzögern. Die Hirnliga forderte für die Finanzierung von Demenz- Diagnosen Kooperationen zwischen Kranken- und Pflegeversicherung. Wenn die Pflegebedürftigkeit nur um ein paar Monate verzögert werde, helfe das beiden Versicherungen beim Kostensparen. Im Verein Hirnliga haben sich Demenzforscher, Alterspsychiater und Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen.

Weitere Infos im Internet unter: www.hirnliga.de

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