Ärzte Zeitung, 25.09.2009
Neurologen
kritisieren den IQWiG-Bericht zu Memantine
Die Wirksamkeit von Memantine bei Alzheimer-Demenz
ist in Studien gut belegt. Neurologen kritisieren den aktuellen
IQWiG-Bericht, der nicht zuletzt auf geänderten
Bewertungskriterien basiert.
NÜRNBERG (mut). Memantine
(Axura®) habe sich in placebo-kontrollierten Studien sowohl bei
moderater als auch bei schwerer Alzheimer-Demenz klar bewährt,
so Professor Jörg B. Schulz vom Uniklinikum Aachen beim
Neurologenkongress. So lassen sich mit dem Medikament sowohl kognitive
Fähigkeiten als auch Fähigkeiten, im Alltag zurecht
zu kommen und mit Angehörigen zu kommunizieren, signifikant
besser erhalten als mit Placebo. Schulz nannte auf einer Veranstaltung
des Unternehmens Merz als Beispiel eine 2007 publizierte Meta-Analyse
von sechs placebokontrollierten Studien mit insgesamt über
1800 Patienten.
In drei Studien wurde das Medikament bei moderater
Alzheimer-Demenz und in drei mit schwerer Alzheimer-Demenz
geprüft. In allen Studien schnitten die Patienten mit
Memantine auf der ADAS-cog-Skala oder der bei schwerer Demenz
verwendeten SIB-Skala deutlich besser ab als mit Placebo, in allen
sechs Studien war der von Ärzten und Angehörigen
ermittelte globale Gesamteindruck mit Memantine besser als mit Placebo,
und in allen sechs Studien gab es Vorteile für Memantine bei
der Alltagskompetenz. In immerhin vier von sechs Studien wirkte sich
Memantine im Vergleich zu Placebo günstiger auf
Verhaltensstörungen aus.
Dass Memantine die Kognition positiv beeinflusst und gut
vertragen wird - dies werde nicht einmal vom Institut für
Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
bezweifelt, so Schulz. Dennoch stellte das Institut den Nutzen des
Medikaments in seinem vor kurzem publizierten Abschlussbericht infrage
- es hält den Effekt für zu gering. Zu diesem Schluss
kam das Institut allerdings erst, nachdem es zwischendurch seine
statistischen Methoden geändert hatte, kritisierte Schulz. Um
den Effekt der Therapie zu bemessen, hätte das IQWiG etwa
Responderraten analysieren können.
Dann wäre die Analyse wohl zugunsten vom Memantine
ausgefallen. Denn in Studien zeigten während einer sechs
Monate dauernden Therapie nur etwa halb so viele Patienten eine
deutliche Verschlechterung wie mit Placebo. Das IQWiG nahm jedoch den
Cohens-d-Wert, eine statistische Effektgröße
für Mittelwertunterschiede zwischen zwei Gruppen mit gleichen
Gruppengrößen und ohne Berücksichtigung der
Fallzahlen. Bei der Bewertung der Cholinesterase-Hemmer musste der
Cohens-d-Wert noch über 0,1 liegen, um einen ausreichenden
Effekt nahe zu legen.
Bei der Bewertung von Memantine verdoppelte das IQWiG den
Grenzwert jedoch plötzlich und kam zu einem anderen Ergebnis
für Memantine als für die Cholinesterase-Hemmer,
kritisierte Schulz. Zwar gebe es Langzeitstudien, die für
Memantine einen Cohens-d-Wert von bis zu 0,7 ergeben hatten, diese
seien jedoch vom IQWiG nicht berücksichtigt worden, da sie
nicht über den gesamten Zeitraum doppelblind geführt
werden konnten - nach sechs Monaten werden Alzheimer-Studien in der
Regel aus ethischen Gründen entblindet.
Der Neurologe sieht in dem aktuellen IQWiG-Bericht aber nicht
nur einen Angriff auf Memantine, sondern auf die antidementive Therapie
insgesamt. So plane das IQWiG eine "Aktualisierungsrecherche" zu
Cholinesterase-Hemmern, eventuell auch mit dem veränderten
Cohens-d-Wert. Schulz wies jedoch darauf hin, dass der Abschlussbericht
für Ärzte vorerst keine Auswirkungen hat.
Entscheidend seien die Beschlüsse des Gemeinsamen
Bundesausschusses, nicht die des IQWiG.
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