Ärzte Zeitung online, 07.01.2010

Große Studie findet keinen Hinweis, dass Ginkgo den kognitiven Abbau verzögert

PITTSBURGH(mut). Kann eine Therapie mit Ginkgo biloba denn kognitiven Abbau im Alter verzögern? Eine sechs Jahre dauernde große US-Studie bei über 70-Jährigen hat dafür zumindest keine Anhaltspunkte ergeben. Eine aktuelle Meta-Analyse kommt dagegen zu anderen Schlussfolgerungen.

Große Studie findet keinen Hinweis, dass Ginkgo den kognitiven Abbau verzögert

Foto: © Sebastian Kaulitzki / fotolia.com

Die Diskussion um den Nutzen von Ginkgo bei älteren Menschen wurde kurz vor Weihnachten von einer weitere Auswertung der Studie "Ginkgo
Evaluation of Memory" (GEM) neu entfacht. In der Untersuchung erhielten zu Beginn knapp 3100 Menschen im Alter von 72 bis 96 Jahren entweder zweimal täglich mit 120 mg des Ginkgo-Extraktes EGb 761 (Tebonin®) oder Placebo. Fünf von sechs Teilnehmern waren kognitiv völlig gesund, ein Sechstel hatte leichte kognitive Einschränkungen (MCI), jedoch keine Demenz. Primärer Endpunkt war die Demenz-Inzidenz im Beobachtungszeitraum von im Median 6,1 Jahren. In dieser Zeit entwickelten 523 der Patienten eine Demenz - 246 unter Placebo und 277 mit Ginkgo, der Unterschied war nicht signifikant, auch entwickelten MCI-Patienten mit Ginkgo ebenso häufig eine Demenz wie mit Placebo, so eine bereits im November 2008 publizierte erste Analyse der Daten (JAMA 300, 2008, 2253).

US-Forscher aus Pittsburgh wollten nun in einer neuen Auswertung wissen, ob sich mit Ginkgo wenn schon keine Demenz verzögern, so doch zumindest kognitive Funktionen länger erhalten lassen. Dazu werteten sie eine Reihe von kognitiven und neuropsychologischen Tests aus, die halbjährlich bis jährlich bei den Teilnehmern vorgenommen wurden. Das Ergebnis: Im Schnitt schritt der kognitive Abbau bei Patienten mit Placebo und mit Ginkgo in vergleichbarem Tempo voran, bei den einzelnen Tests und Skalen gab es keine signifikanten Unterschiede (JAMA 302, 2009, 2663).

In eine Mitteilung zu der Studie gibt dass Unternehmen Schwabe - Hersteller von Tebonin® - jedoch zu bedenken, dass der kognitive Abbau selbst in der Placebogruppe kaum zu erkennen war: "Die Studienteilnehmer zeigten trotz des hohen durchschnittlichen Alters von etwa 80 Jahren im Laufe der Studie außergewöhnlich geringe kognitive Verschlechterungen, die fast siebenmal langsamer erfolgten, als in der Planungsgrundlage der Autoren. Die Studie hätte noch mindestens zehn Jahre länger dauern müssen, bevor ein relevanter geistiger Abbau sichtbar geworden wäre", teilt das Unternehmen mit. Zudem hätten im Laufe der Studie nur noch 60 Prozent der Teilnehmer mit Ginkgo das Medikament auch regelmäßig eingenommen. Ein Ginkgopräparat könne das Nachlassen der geistigen Leistung aber nur verhindern, wenn es auch regelmäßig eingenommen werde, so das Unternehmen.

Hinweise auf einen solchen Nutzen gibt immerhin eine vor kurzem publizierte Analyse von 29 Placebo-kontrollierten Studien mit Extrakten aus Ginkgo biloba, an denen insgesamt über 2400 Personen teilgenommen hatten. Das Spektrum der ausgewerteten Untersuchungen reichte von Studien mit ausschließlich Alzheimer-Patienten über Studien mit Patienten, die nur leichte Gedächtnisstörungen hatten, bishin zu Studien, an denen ausschließlich kognitiv gesunde ältere Menschen teilnahmen. In mehr als zwei Drittel der Studien wurde der Extrakt EGb 761® verwendet (in Deutschland vom Unternehmen Dr. Wilmar Schwabe als Tebonin® angeboten). Das Besondere an der Analyse: Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Ginkgo-Extrakte die Kognition allgemein verbessern, oder ob die Effekte spezifisch bestimmte kognitive Funktionen betreffen. Daher wurden nur Studien berücksichtigt, die mithilfe neuropsychologischer Tests solche kognitive Funktionen separat erfassten. Dazu gehörten etwa Tests auf verbales und visuelles Kurz- und Langzeitgedächtnis. Bei der Aufmerksamkeit wurden Vigilanz, Informationsverarbeitung und Fokussierung auf Informationen berücksichtigt, zudem wurden Studien mit Intelligenztests und Exekutivfunktionen wie Planung oder Flexibilität bewertet. Insgesamt erfolgten mit solchen Tests in den 29 Studien insgesamt 209 Ginkgo-Placebo-Vergleiche.

Die Ergebnisse der Analyse hat jetzt Privatdozent Reiner Kaschel von der Universität Osnabrück in der Zeitschrift "Human Psychopharmacology" (24, 2009, 345) veröffentlicht. So zeigten 23 Prozent der Tests zum verbalen Kurzzeitgedächtnis einen signifikanten Vorteil für Ginkgo, knapp 27 Prozent waren es beim verbalen Langzeitgedächtnis, zwischen 33 und 46 Prozent bei Aufmerksamkeitstests. Auch bei Exekutivfunktionen wie Flexibilität (Hin- und Herschalten zwischen unterschiedlichen Aufgaben) und fluider Intelligenz (Bewältigung neuer Herausforderungen) war der Anteil von Tests mit signifikanten Effekten zugunsten von Ginkgo mit 23 und 38 Prozent relativ hoch. Bei den genannten Tests war damit die Rate signifikanter Ergebnisse um den Faktor fünf bis acht höher als bei einer reinen Zufallsverteilung. Ginkgo-Extrakte scheinen zumindest nach diesen Daten eine Vielzahl von kognitiven Funktionen günstig zu beeinflussen.

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