Ärzte Zeitung, 04.02.2010
Ginkgo und Epilepsie: Neue Diskussionen, aber keine neuen Erkenntnisse
NEU-ISENBURG (mut). Sollten Epilepsie-Kranke besser
die Finger von Ginkgo-Präparaten lassen? Das wird immer wieder
diskutiert. Zuletzt plädierten Autoren einer deutschen
Publikation für einen vorsichtigen Umgang mit solchen
Phytopharmaka. Neue Erkenntnisse zum Anfallsrisiko gibt es jedoch nicht.

Unverwechselbar: Blätter des
Ginkgo-Baumes. © Marina Lohrbach / fotolia.com
"Ginkgo-Präparate können
Epilepsie-Anfälle auslösen", so lauteten
zuletzt einige Schlagzeilen in Internet-Portalen. Seriösere
Medien formulierten da schon etwas vorsichtiger: "Epileptiker sollten zurückhaltend
mit Ginkgo-Präparaten umgehen", hieß es
etwa in der "Welt". Nachdem in einer Publikation vor Weihnachten der
Nutzen von Ginkgo-Präparaten angezweifelt wurde (wir
berichteten), gerät eines der
umsatzstärksten OTC-Präparate erneut in die Kritik.
Anlass ist dieses Mal eine Publikation von Pharmazeuten der Uni Bonn.
In der Zeitschrift "Journal of Natural Products" (73, 2010, 86)
haben Professor Eckhard Leistner und Dr. Christel Drewke Daten zur
anfallsfördernden Wirkung von Ginkgo-Bestandteilen
zusammengetragen und aufgrund eigener Forschungen einen Wirkmechanismus
postuliert, der die prokonvulsive Wirkung eines der Bestandteile -
nämlich Ginkgotoxin - erklären kann. Allerdings ist
das Toxin nur in geringen Konzentrationen in standardisierten
Ginkgo-Präparaten enthalten, so dass es fraglich bleibt, ob
sich damit das Anfallsrisiko erhöhen lässt.
Dass Ginkgotoxin in hoher Dosierung tatsächlich
Krampfanfälle auslösen kann, wird nicht bestritten,
dafür nennen Leistner und Drewke zahlreiche Beispiele. So ist
das Toxin vor allem in Ginkgo-Samen in höherer Konzentration
enthalten und kann bei übermäßigem Verzehr
der Samen zu Intoxikationen führen: Epilepsie-artige
Anfälle, Lähmungen und Bewusstseinsverlust sind die
Folge. In Japan wurden auch zahlreiche Todesfälle beschrieben,
vor allem bei Kindern. In Tierversuchen ließen sich mit
Ginkgotoxin ebenfalls Anfälle auslösen, und in
Südafrika kommt es regelmäßig zu
Vieh-Vergiftungen mit Krampfanfällen. Hier sind es allerdings
Früchte des Schlafbaums, einer Akazienart, die ebenfalls das
Toxin enthalten.
Bekannt ist auch, dass Ginkgotoxin in den Vitamin-B6-Stoffwechsel
eingreift. So bindet das Toxin an das Enzym Pyridoxal-Kinase, das
normalerweise Vitamin-B6-Derivate
phosphoryliert. Leistner und Drewke vermuten nun, dass als Folge
vermehrt Ginkgotoxin statt Vitamin B6 ins Gehirn
gelangt. Der Mangel an Vitamin B6 reduziere
wiederum die Menge des Enzyms Glutamat-Decarboxylase, so dass die
Konzentration von anfallsförderndem Glutamat steigt. Damit es
aber überhaupt zu Konvulsionen kommt, sind bei Erwachsenen
vermutlich Toxin-Serumwerte von über 100 ng/ml
nötig - das lässt sich zumindest aus Messungen bei
Patienten mit Vergiftungen ableiten.
Ausgehend vom Ginkgotoxin-Gehalt in Ginkgo-Präparaten
lassen sich aber selbst im ungünstigsten Fall nur Serumwerte
von maximal 15 ng/ml (80nM) durch die jeweilige Tagesdosis
erreichen, so die Pharmazeuten. Die spannende Frage ist nun, ob solch
relativ geringe Konzentrationen zumindest bei Epilepsie-Kranken die eh
schon niedrige Anfallsschwelle heruntersetzen können. Die
Bonner Forscher plädieren jedenfalls für einen
vorsichtigen Umgang mit Ginkgo-Präparaten bei
Epilepsiekranken, zumal sie auch Hinweise dafür sehen, dass
Ginkgo-Bestandteile Enzyme das Cytochrom-450-Systems induzieren und
damit möglicherweise den Antiepileptika-Metabolismus
beschleunigen. Die könnte zu erniedrigten Serumwerten der
schützenden Arzneien führen.
Da diese Befürchtungen nicht neu sind, hat das BfArM
schon längst reagiert. In Fachinfos zu
Ginkgo-Präparaten heißt es etwa: "Es kann nicht
ausgeschlossen werden, dass bei Epileptikern durch die Einnahme von
Ginkgo-Zubereitungen das Auftreten weiterer Krampfanfälle
gefördert wird." Epilepsie-Patienten werden daher gebeten, vor
der Einnahme ihren Arzt zu konsultieren.
Darauf verweist auch das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe in
einer Stellungsnahme, gibt zugleich aber Entwarnung für sein
Ginkgo-Präparat Tebonin®. So hätten in einer
eigenen Pilotstudie die Ginkgotoxin-Plasmawerte sämtlich unter
der Nachweisgrenze von 1ng/ml gelegen - auch nach Einnahme der
Tageshöchstdosis von 240 mg des Extraktes. Ferner
verfüge der Tebonin®-Extrakt EGb 761®
über neuroprotektiv wirkende Inhaltsstoffe wie Bilobalid,
welche die krampffördernde Wirkungen von Ginkgotoxin mindern.
Auch hält das Unternehmen eine Wirkabschwächung von
Antiepileptika über eine Induktion des CYP-Isoenzym 2C19
für wissenschaftlich nicht belegt.

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