Ärzte Zeitung online, 29.10.2010

Eine Sepsis schadet offenbar auch dem Gehirn

ANN ARBOR (mut). Überleben ältere Patienten eine Sepsis, sind sie danach nicht nur körperlich, sondern oft auch geistig stark beeinträchtigt: So hat jeder Sechste anschließend deutliche kognitive Defizite.

Eine Sepsis schadet offenbar auch dem Gehirn

Anfälliges Gehirn: Im Alter hinterlässt eine Sepsis offenbar kognitive Defizite.

© Andrzej / fotolia.com

Dass es gerade älteren Menschen nach einer lebensbedrohlichen Infektion wieder schwer fällt, auf die Beine zu kommen, leuchtet ein. Doch offenbar hinterlässt eine Sepsis auch nachhaltig Spuren im Gehirn, berichten US-Forscher aus Ann Arbor.

Sie hatten Daten von etwa 9200 Teilnehmern der repräsentativen und prospektiven Health and Retirement Study ausgewertet, bei denen auch der kognitive Status alle sechs Monate mithilfe eines speziellen Fragebogens erfasst worden war (JAMA 2010; 304:1787).

Knapp 1200 der Teilnehmer mussten während der achtjährigen Beobachtungszeit aufgrund einer Sepsis hospitalisiert werden, 5600 kamen aufgrund anderer Notfälle in eine Klinik. Insgesamt überlebten 623 Patienten die Sepsis.

Von ihnen hatten vor der Klinikeinweisung etwa sechs Prozent moderate bis schwere kognitive Defizite, bei der ersten Befragung nach der Klinikentlassung waren es dann 16,7 Prozent - der Anteil blieb bei den weiteren Befragungen fast konstant hoch.

Wurden Faktoren wie Alter und Geschlecht berücksichtigt, war die Rate für kognitive Defizite nach überlebter Sepsis mehr als verdreifacht - oder anders formuliert: Jeder zehnte Sepsis-Überlebende, der zuvor kognitiv unauffällig war, hatte nun deutliche Defizite.

Bei den Studien-Teilnehmern, die aufgrund andere Erkrankungen in eine Klinik mussten, war im Schnitt die kognitive Funktion nach der Entlassung genau so gut wie vor der Klink-Einweisung.

Als Erklärung vermuten die Studienautoren um Dr. Theodore J. Iwashyna, dass bei einer Sepsis aufgrund der Entzündungen und Hypoperfusion Muskelfasern zerstört werden. Die Patienten bleiben dadurch lange schwach und immobil, was den kognitiven Abbau beschleunigt.

Aber auch der Entzündungsprozess selbst könnte die kognitive Leistung dauerhaft beeinträchtigen. So sind in der Alzheimer-Pathologie auch inflammatorische Vorgänge von Bedeutung.

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