Ärzte Zeitung online, 06.11.2010

Neuer Therapie-Ansatz bei Alzheimer entdeckt

GÖTTINGEN (eb). Morbus Alzheimer zumindest im Verlauf anhalten zu können, das ist Wissenschaftlern in Göttingen jetzt im Tierversuch gelungen. Dazu haben sie eine passive Impfung mit einem von ihnen entwickelten Antikörper genutzt.

Neuer Diagnose-Marker und neues Therapieziel bei Alzheimer entdeckt

Gliazellen (grün) und Zellkerne (blau), dazwischen der neu entwickelte Antikörper (rot), der in Nervenzellen färbt.

© Unimedizin Göttingen

Zielscheibe bei dieser Impfung ist das Eiweiß Pyroglutamat-Abeta, das die Göttinger Forscher als eigentlichen Ursache für die Entstehung von Morbus Alzheimer ausgemacht haben. Mit einem speziellen Antikörper gegen dieses Eiweiß lässt sich schon früh dessen zerstörerische Kraft stoppen, wie es in einer Mitteilung der Universitätsmedizin Göttingen heißt.

Wissenschaftler um Professor Thomas Bayer und Dr. Oliver Wirths von der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin haben das Pyroglutamat-Abeta als neue Zielstruktur für die Diagnose und Therapie bei Alzheimer entdeckt (J Biol Chem online).

Alzheimer-Plaques bilden sich außerhalb der Zellen

Bisherige Behandlungsstrategien zielen in erster Linie auf die Plaques im Gehirn ab. Diese Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen entstehen bekanntlich außerhalb der Nervenzellen. Die Bedeutung der Plaques für den Krankheitsprozess wird jedoch unter Alzheimer-Forschern intensiv diskutiert.

Berühmtes Beispiel dafür ist die US-Nonnenstudie geworden. Zur Erinnerung: Die mehr als 600 Nonnen wurden regelmäßig neuropsychologisch getestet. Einige von ihnen entwickelten auch die Alzheimer-Erkrankung.

Überraschend war jedoch, dass sich auch viele Plaques im Gehirn von Nonnen befanden, deren Wahrnehmung und Lernfähigkeiten völlig normal waren und keine Anzeichen für Morbus Alzheimer hatten.

"Wir gehen davon aus, dass Plaques eine Art Mülleimer für das giftige Abeta-Eiweiß sind. Man sollte zwar die Entstehung bekämpfen, aber wenn sie schon vorhanden sind, ist es therapeutisch sinnvoller sie in Ruhe zu lassen", sagt Bayer. "Genau da setzt unser Antikörper an".

Tödliche Kaskade beginnt schon früh im Zellinnern

Bereits in früheren Studien hatten die Göttinger Alzheimer-Forscher in mehreren Tiermodellen nachgewiesen, dass entgegen bisheriger Annahmen nicht die Plaques den Tod der Nervenzellen auslösen. Sie fanden Beweise dafür, dass die zerstörerische Kaskade bereits viel früher und im Inneren der Nervenzelle in Gang gesetzt wird.

In der nun veröffentlichen Studie haben die Göttinger Wissenschaftler in einem von Bayer geführten internationalen Konsortium mit Kollegen des Göttinger Unternehmens Synaptic Systems und Wissenschaftlern aus Amsterdam, Berlin, Bonn, Helsinki und Uppsala eine völlig neuartige Struktur des Pyroglutamat-Abeta-Peptids entdeckt und dagegen spezifische Antikörper entwickelt.

"Diese Antikörper sind weltweit die ersten, die eine lösliche, besonders toxische Abeta-Variante erkennen. Anders als die bisherigen Antikörper, die für Immunisierungen benutzt wurden, binden sie vor allem nicht an Plaques", so Bayer.

Vermutlich werden die Blutgefäße geschädigt

Die jetzt entwickelten Antikörper erkennen besonders toxische Verklumpungen von Pyroglutamat-Abeta, die als Oligomere bezeichnet werden. Diese Oligomere häufen sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten, dort vor allem in Nervenzellen und an Blutgefäßen an. Das schädigt vermutlich die Blutgefäße.

Die Folge: Die Oligomere gelangen nicht mehr aus dem Gehirn. "Wir können feststellen, dass die Spiegel der Oligomere im Blut von gesunden Personen hoch sind. Bei Alzheimer-Patienten lassen sich nur niedrige Oligomere-Spiegel im Blut finden, dafür sind sie im Gehirn aber viel höher", sagt Wirths: "Damit eignen sich diese Antikörper als potenzielle Biomarker für die Diagnose von Alzheimer im Blut und im Gehirn."

In der aktuellen Studie konnten die Göttinger Forscher erstmals belegen, dass die passive Immunisierung mit einem Oligomer-spezifischen Antikörper, der die Plaques nicht erkennt, erfolgreich war.

Im Tiermodell war der Antikörper therapeutisch wirksam und stabilisierte das Lernverhalten. Durch die passive Immunisierung werden dem Körper die neuen Antikörper zugeführt, diese binden an die giftigen Oligomere und machen sie unschädlich.

"Mit dieser Form der passiven Impfung können wir vermutlich keine Heilung erreichen, aber unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass die Antikörper offenbar das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit stoppen", betont Bayer.

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