Ärzte Zeitung online, 16.10.2011

Immuntherapie bei Alzheimer scheint zu klappen

Immuntherapie bei Alzheimer scheint zu klappen

Amyloid-Plaques. Sie sollen mit einer neuen Immuntherapie aufgelöst werden.

© Springer Medizin

Mit einer Antikörper-Therapie lässt sich tatsächlich das Alzheimer-Protein Beta-Amyloid aus dem Gehirn von Patienten lösen. Ob man damit eine Alzheimer-Erkrankung bremsen kann, ist aber noch unklar.

Von Thomas Müller

Basel. Nun gibt es also ein weiteres Mittel, das in der Lage ist, Amyloid-Plaques im Gehirn von Alzheimerkranken aufzulösen: Forscher um Dr. Susanne Ostrowitzki von Hoffmann-La Roche in Basel haben jetzt Daten zu dem neuen monoklonalen Antikörper Gantenerumab publiziert, der spezifisch an Amyloid-Fibrillen bindet (Arch Neurol online, 10.10.2011).

Wie bei zwei ähnlich wirkenden Antikörpern, die derzeit in größeren Studien getestet werden, hofft man, damit die Progression der Alzheimer-Erkrankung zu stoppen.

In der Studie wurden keine klinischen Effekte überprüft

In der Studie mit Gantenerumab wurden aber keine klinischen Effekte überprüft - sondern erst einmal die Fähigkeit des Antikörpers, das verklumpte Amyloid aus dem Gehirn zu lösen.

Und darin scheint der neuen Wirkstoff ganz gut zu sein. So bekamen acht Patienten mit leichtem bis mittelschwerem Morbus Alzheimer alle vier Wochen Infusionen mit dem Antikörper in einer Dosierung von 60 mg, sechs Patienten erhielten 200 mg und vier Placebo.

Zwischen zwei und sieben Infusionen

Die Patienten bekamen insgesamt zwischen zwei und sieben Infusionen. Regelmäßig wurde dabei die Amyloid-Last im Gehirn per PET gemessen. Die Studienärzte verwendeten dazu die Verbindung Pittsburgh Compound (PIB), um die Amyloid-Plaques sichtbar zu machen.

Das Ergebnis: In der niedrigen Dosierung nahm die Amyloid-Last - verglichen mit Placebo - um knapp 16 Prozent ab, in der höheren Dosierung sogar um 35 Prozent.

Leichte Entzündungen und Ödeme bei zwei der sechs Patienten

Mit der höheren Dosierung kam es bei zwei der sechs Patienten vorübergehend zu leichten Entzündungen und Ödemen an denjenigen Stellen, an denen das meiste Beta-Amyloid entfernt wurde.

Diesen Effekt kennt man auch schon aus Studien mit anderen Antikörpern gegen das Alzheimer-Protein.

Noch ist unklar, ob die Therapie den Patienten nützt

Ob Alzheimer-Patienten von einer solchen Immuntherapie gegen Beta-Amyloid profitieren können, ist noch weitgehend unklar.

In Phase-II-Studien mit dem Antikörper Bapineuzumab zeigten zwar Alzheimer-Patienten ohne das Risiko-Allel ApoE4 signifikant bessere kognitive Fähigkeiten unter der Therapie als solche mit Placebo, nicht aber Patienten mit ApoE4.

Bapineuzumab wird derzeit in Phase-III-Studien bei über 2000 Alzheimer-Patienten geprüft. Mit Solanezumab ist ebenfalls ein neuer monoklonaler Antikörper gegen Beta-Amyloid in klinischer Untersuchung.

Amyloid-Plaques bilden sich lange vor der Demenz

Unter Alzheimer-Experten mehren sich jedoch Zweifel, dass eine Amyloid lösende Therapie bei bereits Erkrankten überhaupt noch wirksam ist. So bestätigt eine aktuelle Studie der Arbeitsgruppe um Dr. Raymond Y. Lo aus Berkeley in Kalifornien, dass es schon lange vor den ersten kognitiven Einbußen zu einer massiven Ablagerung von Amyloid kommt (Arch Neurol 2011; 68:1257-1266).

Dieser Prozess scheint auch schon vor den ersten Zeichen einer Hirnatrophie aufzutreten.

Rosenberg vermutet: Gehirndegeneration bei Alzheimerkranken auch ohne Amyloid

In einem Editorial in den Archives of Neurology fordert der Neurologe Dr. Roger Rosenberg aus Dallas daher, Alzheimer-Therapien schon bei Patienten mit leichten kognitiven Einschränkungen zu prüfen, oder noch besser, bei Menschen ohne jegliche Einschränkungen, deren Liquor-Biomarkerprofil aber die Bildung von Amyloid-Plaques im Gehirn anzeigt (Arch Neurol 2011; 68:1237-1238).

Denn Rosenberg vermutet, dass bei Alzheimerkranken die Gehirndegeneration schon so weit fortgeschritten ist, dass sie auch ohne Amyloid weitergeht.

Führt Beta-Amyloid zu zytotoxischen Zytokinen, oxidativen Stress und Tau-Fibrillen?

Nach dieser Hypothese würde ein von Beta-Amyloid angestoßener Prozess schließlich zur Bildung von zytotoxischen Zytokinen, oxidativem Stress und Tau-Fibrillen führen, die das Gehirn unabhängig von anderen Faktoren weiter zerstören.

Dies würde auch das Phänomen erklären, dass bei einigen Alzheimer-Patienten nach einer Impfung gegen Beta-Amyloid die Amyloid-Plaques zwar komplett verschwanden, die Demenz aber unbeirrt voranschritt.

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