Donnerstag, 2. Oktober 2014
Ärzte Zeitung, 19.02.2012

Hintergrund

Demenz aus dem Auspuff

Feinstaub schadet nicht nur der Lunge, sondern auch den Hirngefäßen, und das bereits in Konzentrationen, die bislang als harmlos galten. Denn die dreckige Luft erhöht das Apoplexie-Risiko und beschleunigt den kognitiven Abbau im Alter.

Von Thomas Müller

Demenz und Schlaganfall durch Abgase?

Je höher die Schadstoffbelastung in der Luft, desto höher war in zwei Studien das Risiko für Schlaganfall und Demenz.

© Jean-Paul Bounine / Fotolia.com

Mit Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Feinstaub lassen sich inzwischen ganze Bibliotheken füllen: Der Dreck aus Fabrikschloten und Autoauspuffen verkürzt nach Daten epidemiologischer Untersuchungen in stark belasteten Gebieten das Leben um eineinhalb Jahre.

Außerdem verdoppelt und verdreifacht er die Rate tödlicher Herzinfarkte, verringert die Lungenkapazität bei Kindern, begünstigt Asthma, erhöht den Blutdruck und sorgt auch dafür, dass vermehrt Hirngefäße verstopfen.

Letzteres ist aber nicht nur bei starker Belastung der Fall: Eine aktuelle Studie fand Hinweise dafür, dass schon Feinstaub-Werte, die nach den bisherigen Grenzwerten als harmlos eingestuft werden, das Schlaganfallrisiko deutlich erhöhen.

Wissenschaftler um Dr. Gregory Wellenius aus Providence in den USA hatten Daten von über 1700 Schlaganfallpatienten aus dem Großraum Boston über einen Zeitraum von zehn Jahren ausgewertet.

Zudem schauten sie sich die Feinstaubkonzentration in der Region an und prüften, ob es einen Zusammenhang zwischen der Belastung mit besonders kleinen, lungengängigen Partikeln (weniger als 2,5 μm Durchmesser, PM2,5) und der Inzidenz von ischämischen Schlaganfällen gab.

Feinstaub unter den Grenzwerten

Alle Patienten mussten in einem Radius von 40 km um die Luftmessstation in Boston leben, von der die Forscher ihre Daten bezogen.

Das Besondere daran: Während der ganzen Zeit kam es in der Region so gut wie nie zu einem Smog-Alarm, die PM2,5-Werte lagen mit Ausnahme von 11 Tagen unter dem Grenzwert von 40 μg/m3.

An 83 Prozent aller Tage lagen die Werte sogar unter 15 μg/m3, was als gute Luftqualität gilt (Arch Intern Med. 2012; 172: 229).

Und dennoch: Je höher die Werte stiegen, umso mehr Menschen wurden mit verstopften Hirngefäßen in die Bostoner Krankhäuser eingeliefert. An Tagen mit mäßig guter Luftqualität (15-40 μg/m3) waren es ein Drittel (34 Prozent) mehr als an Tagen mit guter Luftqualität.

Eine mäßig gute Luftqualität heißt nach Definition der US-Umweltbehörde EPA eigentlich, dass nur für eine kleine Anzahl von Menschen ein moderates Gesundheitsrisiko besteht.

"Geht man aber davon aus, dass fast jeder Mensch Luftverschmutzung ausgesetzt ist, dann ist das schon ein ziemlich großer Effekt", so Wellenius in einer Mitteilung.

Insgesamt ließ sich für einen Anstieg des PM2,5-Wertes um 10 μg/m3 eine Erhöhung des Schlaganfallrisikos um etwa 17 Prozent berechnen.

Vor allem Autoabgase schädlich

Am häufigsten traten die Schlaganfälle 12 bis 14 Stunden nach einem Anstieg der Feinstaubwerte auf, und zwar vor allem dann, wenn auch solche Werte zunahmen, die für Autoabgase typisch sind.

Daraus schließen sie Forscher, dass wohl ein großer Teil der überzähligen Schlaganfälle auf Feinstaub und Abgase aus Straßenverkehr zurückzuführen ist.

Dass Feinstaub auch schon ohne Schlaganfall dem Gehirn schadet und eine Demenz begünstigt, legen Daten der Nurses Health Study mit knapp 20.000 Frauen im Alter von über 70 Jahren nahe.

Ein Team um Dr. Jennifer Weuve aus Chicago hatte regelmäßig erhobene Kognitionstests mit der Luftbelastung am Wohnort der Teilnehmer verglichen, und zwar über einen Zeitraum von im Schnitt drei Jahren (Arch Intern Med 2012; 127: 219).

Berücksichtigt wurde dabei nicht nur der lungengängige Staub (PM2,5), sondern auch der etwas gröbere, noch inhalierbare Staub mit einer Partikelgröße bis zu 10 µm (PM10).

Das beunruhigende Ergebnis: Bei Frauen nahm die kognitive Leistung bei einer relativ hohen Langzeitbelastung deutlich schneller ab als in sauberer Luft.

Bei einer Mehrbelastung von 10 μg/m3 war die kognitive Leistung mit der von etwa zwei Jahre älteren Frauen vergleichbar, die in Regionen mit guter Luft lebten.

Schon eine moderate Erhöhung der Feinstaubbelastung - egal ob PM2,5 oder PM10 - lässt demnach das Gehirn um zwei zusätzliche Jahre altern.

Daten mit Vorsicht genießen

Dabei sind 10 μg/m3 nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass der Jahresmittelwert für PM10 in Deutschland beim Vierfachen liegen darf (Arch Intern Med. 2012; 172: 219).

Die Daten sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da sie nur auf eine Assoziation, nicht aber einen kausalen Zusammenhang weisen.

Auch andere Faktoren des urbanen Lebens als der Feinstaub könnten Ursache für die beschleunigte Hirnalterung sein, etwa Stress oder große soziale Unterschiede mit ihren gesundheitlichen Folgen.

Andererseits legen Tierversuche nahe, dass Feinstaub durchaus die Hirnfunktion stören kann, indem er die Bluthirnschranke beeinträchtigt und Entzündungsprozesse ankurbelt.

Deutlich erhöhte Werte von Entzündungsmarkern und Alzheimerplaques fand man bei Autopsien in Gehirnen von Menschen und Hunden aus hoch belasteten Großstädten.

Dass die Veränderungen bei Mensch und Tier gleichermaßen beobachtet wurden, spricht eher gegen eine soziale Komponente.

Feinstaub

Definition: Als Feinstaub werden fein verteilte feste Partikel (Particulated Matter, PM) in der Luft bezeichnet. Je nach Durchmesser unterscheidet man groben (über 10 μm), inhalierbaren (unter 10 μm), lungengängigen (unter 2,5 μm) oder ultrafeinen Staub (unter 0,1 µm). Feinstaub-Messwerte beziehen sich meist auf die Konzentrationen von inhalierbarem (PM10-Wert) und lungengängigem Feinstaub (PM2,5-Wert).

Quellen: Industrie und Heizungen produzieren etwa die Hälfte des Feinstaubs, die andere Hälfte geht auf den Straßenverkehr zurück. Etwa 50 Prozent davon entstehen durch Abgase, der Rest durch Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch Staubaufwirbelungen der Straße.

Grenzwerte: In deutschen Städten darf der PM10-Grenzwert von 50 μg/m3 an 35 Tagen im Jahr nicht überschritten werden. An viel befahrenen Straßen betragen die Werte gelegentlich mehr als 100 μg/m3. Der Jahresmittelwert für PM10-Staub darf nicht über 40 μg/m3 liegen. Studien zufolge sterben bereits bei einem Unterschied von 10 μg/m3 langfristig 40 Prozent mehr Menschen an Herzinfarkt und Schlaganfall.

Eine ursprünglich für 2010 geplante EU-weite strengere Regelung mit einem maximalen Jahresmittelwert von 20 μg/m3 und nur sieben Grenzwertüberschreitungen pro Jahr wurde wieder revidiert.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Nebelkerzen gegen Feinstaub

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