Ärzte Zeitung, 14.01.2014

Demenz

Vitamin E hochdosiert gegen Alzheimer?

Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz könnte womöglich Vitamin E helfen - glauben US-Forscher. Zwar gibt es Zweifel am Nutzen, doch vor allem die Betreuer der Patienten könnten profitieren.

Von Beate Schumacher

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Bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz könnte Alpha-Tocopherol von Nutzen sein.

© Alexander Raths / fotolia.com

MINNEAPOLIS. Vitamine und neue Antidementiva haben in jüngeren Studien meistens enttäuscht. Eine jetzt in "JAMA" (2014; 311(1): 33-44) veröffentlichte Studie stellt in dieser Hinsicht eine doppelte Überraschung dar: Durch die regelmäßige Einnahme von Vitamin E (Alpha-Tocopherol) konnten Patienten mit leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz den Verlust alltagspraktischer Fertigkeiten hinauszögern.

Bisherige Studien mit Alpha-Tocopherol gegen Alzheimer-Demenz haben zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. Bei mäßig schwerer Demenz war in einer Studie das klinische Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt.

Die Konversion von einer leichten kognitiven Beeinträchtigung in eine Alzheimer-Demenz wurde durch Alpha-Tocopherol jedoch nicht verhindert. Auch bei normaler Kognition hatte Vitamin E keinerlei Effekt.

US-amerikanische Ärzte haben deswegen den Nutzen der Vitaminsupplementierung bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Erkrankung unter randomisierten kontrollierten Bedingungen geprüft.

An der Doppelblindstudie nahmen 613 Patienten teil, die im Mini-Mental State Examination (MMSE) 12 bis 26 Punkte erreichten (im Mittel 21 Punkte) und bereits mit einem Acetylcholinesterase-Hemmer behandelt wurden. Die tägliche Studienmedikation bestand aus 2000 IU Alpha-Tocopherol (n = 152), 20 mg Memantin (n = 155), Alpha-Tocopherol plus Memantin (n = 154) oder Placebo (n = 152).

Primärer Studienendpunkt war der ADCS-ADL-Score (Alzheimer's Disease Cooperative Study/Activities of Daily Life), der die Fähigkeit zur Bewältigung von Alltagsaufgaben bewertet. Im besten Fall kann ein Score von 78 erreicht werden; der mittlere Wert zu Studienbeginn lag bei 56,8.

Klinisch bedeutsame Verzögerung

Nach einer Beobachtungszeit von im Mittel 2,3 Jahren hatte der ADCS-ADL-Score in der Vitamin-E-Gruppe signifikant weniger abgenommen als in der Placebogruppe, um 13,81 statt um 16,96 Einheiten. Pro Jahr war der Rückgang damit um 19 % geringer als unter Placebo.

"Das entspricht einer klinisch bedeutsamen Verzögerung der Krankheitsprogression um 6,2 Monate unter Alpha-Tocopherol", konstatieren die Studienautoren um Dr. Maurice W. Dysken vom Minneapolis VA Health Care System. Die Alltagskompetenz von Patienten, die Memantin oder die Kombination erhalten hatten, unterschied sich dagegen nicht signifikant von der der Placebopatienten.

Die für die Betreuung der Alzheimerpatienten aufgewendete Zeit nahm in der Vitamin-E-Gruppe am wenigsten zu. Zumindest im Vergleich mit der Memantin-Gruppe war der Zeitaufwand signifikant verkürzt, und zwar um gut zwei Stunden pro Tag; die Differenz zu Placebo verfehlte allerdings das Signifikanzniveau.

Keine Unterschiede zwischen den vier Studiengruppen zeigten sich dagegen im Hinblick auf kognitive Leistungen (erfasst mit MMSE und ADAS-cog) oder Verhaltensauffälligkeiten.

Bezüglich der Nebenwirkungsraten und der Mortalität waren die vier Arme ebenfalls vergleichbar. Lediglich Parasitenbefall und Infektionen traten unter Memantin sowie unter der Kombination etwas häufiger auf.

"Die Ergebnisse legen nahe, dass Alpha-Tocopherol bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz von Nutzen ist, indem es den funktionellen Abbau verlangsamt und die Belastung der Betreuungspersonen reduziert", lautet das Fazit von Dysken und Kollegen.

Cave: Risiken der Vitamin-E-Therapie

Ein zusätzlicher Rückgang im ADCS-ADL um drei Einheiten, wie er bei Placebo- im Vergleich zu Vitamin-E-Patienten zu beobachten war, entspreche zum Beispiel dem völligen Verlust der Fähigkeit, sich alleine anzuziehen oder zu baden, und sei klinisch relevant.

Die mit dem Vitamin zu erzielende Reduktion des Betreuungsaufwands lasse außerdem erhebliche Kosteneinsparungen erwarten.

Dass die Memantinbehandlung keine Verbesserung bewirkte, steht laut Dysken et al. im Einklang mit den Ergebnissen anderen Studien an Patienten mit leichter Alzheimer-Erkrankung. Die Zulassung des NMDA-Antagonisten ist in Deutschland ohnehin auf moderate bis schwere Alzheimer-Stadien beschränkt.

Wieso allerdings Memantin plus Alpha-Tocopherol keine Vorteile gegenüber der Placebobehandlung aufweist, können Dysken et al. nicht erklären. Bisher seien keine Interferenzen des Antidementivums mit dem Vitamin beschrieben worden.

Die Verfasser eines begleitenden Editorials sind unter anderem auch deswegen skeptischer als die Studienautoren, was den Nutzen von Alpha-Tocopherol betrifft. Sie loben zwar die hohe Qualität der Studie, bemängeln aber die fehlende Wirkung des Vitamins auf die Kognition und den insgesamt "bescheidenen" therapeutischen Effekt.

Sie warnen außerdem vor den Risiken einer hoch dosierten Vitaminbehandlung: In einer Metaanalyse waren Dosierungen über 400 IU pro Tag mit einer erhöhten Mortalität assoziiert.

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