Diabetes

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Ärzte Zeitung, 10.05.2004

HINTERGRUND

Diabetiker profitieren von Miktionstagebuch

Von Thomas Meißner

Jeder zweite Insulin-abhängige Diabetiker ist von einer diabetischen Zystopathie betroffen.
Foto: AOK Mediendienst

In die Praxen kommen immer häufiger Patienten mit Diabetes-bedingten Störungen des Urogenitaltraktes. Dazu trägt nicht nur die seit Jahren wachsende Zahl der Diabetiker bei, sondern auch die zunehmende Lebenserwartung. Probleme sind etwa ein Verlust des Blasenfüllungsgefühls bei zunehmender Blasenkapazität. Die Überdehnung der Blase störe zunehmend die Blasenentleerung und führe zur Restharnbildung, berichten Dr. Christian Hampel und seine Kollegen von der Urologischen Klinik an der Universität Mainz in der Zeitschrift "Der Urologe" (42, 2003, 1556).

Ursachen für die Blasenprobleme seien die diabetische Polyneuropathie und die Verlangsamung der neuronalen Erregungsleitung bis hin zur völligen axonalen Blockade. Aufgrund der gestörten Blasensensibilität werde der Restharn nicht wahrgenommen, so Hampel. Folgen sind rezidivierende Harnwegsinfekte, Rückstau des Urins in die Niere, Pyelonephritis und Harnsteinbildung.

Die oft blande bis fehlende Symptomatik steht in krassem Gegensatz zur Prävalenz der diabetischen Zystopathie. Nach Angaben von Hampel ist jeder vierte nicht Insulin-abhängige Diabetiker und fast jeder zweite Insulin-abhängige Diabetiker betroffen. Erschwerend kommen koexistierende Begleiterkrankungen hinzu wie die benigne Prostatahyperplasie, zerebrovaskuläre Veränderungen sowie bei Frauen in der Postmenopause ein Östrogendefizit.

Urodynamik bei Verdacht auf Zystopathie

Dieser komplexe pathogenetische Hintergrund macht die Diagnostik nicht eben leicht. Die Urologen empfehlen außer der detaillierten Anamnese zunächst das Führen eines Miktionstagebuches. Weil auch bei komplett asymptomatischen Patienten eine diabetische Zystopathie vorliegen kann, sei auch im Verdachtsfall die urodynamische Untersuchung indiziert.

Das Blasenfüllungsgefühl wird üblicherweise zystometrisch bestimmt, das heißt, der Detrusordruck wird ermittelt. Dies reicht für die Diagnose jedoch nicht aus. Dazu ist zusätzlich die Druck-Fluß-Untersuchung erforderlich, die eine subvesikale Obstruktion oder eine neurogene Detrusor-Hypokontraktilität anzeigen kann. Im Vergleich zu Gesunden haben Diabetiker ein signifikant größeres Miktionsvolumen, der maximale Harnfluß ist vermindert und der erste Harndrang wird erst bei Füllungsvolumina zwischen 600 und 800 ml verspürt, wie eine randomisierte Vergleichsstudie ergeben hat.

Das Miktionstagebuch habe nicht nur diagnostischen, sondern auch therapeutischen Wert, berichten Hampel und seine Kollegen. Mit Hilfe dieser Aufzeichnungen könne die Miktionsfrequenz nach der Uhr, zum Beispiel alle drei Stunden, erhöht und kontrolliert werden. Damit sinkt das Miktions- und das Restharnvolumen. Bei persistierenden Restharnmengen sei die Infektprophylaxe mit Harn-ansäuernden Mitteln, etwa L-Methionin, oder mit einem niedrig dosierten Antibiotikum wie Nitrofurantoin angezeigt. Dagegen scheitere die Selbstkatheterisierung erfahrungsgemäß meist an manuellen Einschränkungen der Patienten, an Unwillen oder kognitivem Unvermögen.

Gute Erfahrungen mit Metoclopramid

Auch von Parasympathomimetika halten die Mainzer Urologen nicht viel. Deren Wirksamkeit bei diabetischer Zystopathie sei bisher nicht ausreichend nachgewiesen. Gute Erfahrungen gebe es seit langem mit Metoclopramid, das offenbar nicht nur die gastrointestinale Motilität, sondern auch die Blasenentleerung stimulieren kann. Künftige Therapiekonzepte fokussieren auf den Mangel neurotroper Substanzen wie NGF (Nervenwachstumsfaktor).

STICHWORT

Urodynamik

Grundparameter urodynamischer Messungen sind die Druckverhältnisse in Blase, Urethra und Rektum sowie der Harnfluß und die Elektromyographie. Mit dem Uroflowmeter wird die pro Zeit ausgeschiedene Harnmenge gemessen (Harnflußrate in ml/s). Die Zystometrie dient der Beurteilung des Blasenreservoirs: Während der Blasenfüllung oder bei der Blasenentleerung werden simultan der Blasendruck und der Abdominaldruck gemessen. Die Differenz entspricht dem Detrusordruck. Mit Druck-Fluß-Messungen erhält man Informationen über Obstruktionen. Es werden parallel dazu Detrusordruck, Harnfluß und EMG erfaßt. (ner)

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