Diabetes

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Modul: Strategien zur Gewichtsreduktion bei Typ-2-Diabetes

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Ärzte Zeitung, 02.11.2004

HINTERGRUND

Diabetiker haben nicht mehr Verkehrsunfälle als gesunde Menschen

Von Helga Brettschneider

Diabetiker haben - entgegen bisheriger Ansicht - offenbar doch nicht mehr Unfälle als andere Autofahrer, eher sogar weniger. Allerdings gibt es eine Untergruppe dieser Patienten, die risikobereiter sind. Ärzte sollten daher das richtige Verhalten am Steuer bei den Diabetes-Patienten routinemäßig ansprechen.

  Ab 70 mg/dl nimmt bei Diabetes die Fahrsicherheit deutlich ab.

Das sind die Ergebnisse einer neuen Studie, die Privatdozent Dr. Norbert Hermanns vom Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie in Bad Mergentheim gemacht hat. 127 ambulant behandelte Diabetiker nahmen daran teil: 62 Typ-1-Patienten, die im Mittel seit 21 Jahren einen Führerschein hatten, und 65 Typ-2-Patienten mit etwa 35 Jahren Fahrpraxis.

Betrachtet wurden die letzten zwei Jahre. In dieser Zeit legten die Typ-1-Diabetiker mit dem Auto jedes Jahr 18 500 Kilometer zurück. Insgesamt kamen bei den Typ-1-Diabetikern sechs Unfälle vor. Typ-2-Patienten, die ebenfalls meist eine Insulintherapie machten, fuhren jährlich 23 500 Kilometer. Bei ihnen wurden insgesamt fünf Unfälle registriert.

Frühere Studien haben andere Ergebnisse erbracht

Dies bedeutet: Ein Typ-1-Diabetiker hat statistisch alle 364 000 Kilometer einen Unfall, ein Typ-2-Diabetiker alle 563 000 Kilometer. Verglichen mit den Daten des statistischen Bundesamtes ist das nicht schlechter als beim Durchschnitts-Autofahrer - der hat alle 275 000 Kilometer einen polizeilich registrierten Unfall im Straßenverkehr. Zwar kracht es bei Typ-1-Diabetikern offenbar öfter als bei Typ-2-Diabetikern. Zur ersten Gruppe gehörten aber mehr junge Menschen, die generell mehr Unfälle haben. Auch sie schnitten immer noch besser ab als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Aus früheren Studien sind meist andere Aussagen bekannt. Wie kommt es also zu diesen guten Ergebnissen? Ein Grund könnte die Datenerhebung per Fragebogen sein, denn bei Selbstauskünften "kann eine Tendenz zu sozial erwünschten Antworten nicht ausgeschlossen werden", so Hermanns. Andererseits wurden die Daten anonymisiert, eine ermahnende Predigt eines Arztes war also nicht zu befürchten.

Zudem beruhen nach Angaben von Hermanns solche Untersuchungen meistens auf Selbstberichtsdaten. So fielen die Ergebnisse einer US-amerikanisch-europäischen Multicenterstudie mit rund 900 Probanden und ähnlichem Studiendesign für die Patienten schlechter aus: Die Typ-1-Patienten hatten 0,6 Unfälle auf 100 000 Kilometer, Typ-2-Diabetiker und Kontroll-Personen je 0,3.

Begrenzt auf Europa waren es 0,8 Unfälle bei Typ-1-Diabetiker und 0,6 bei Typ-2-Diabetiker sowie 0,5 bei Kontrollpersonen. Möglicherweise sind Diabetiker in Deutschland besser geschult. Die hohe jährliche Fahrleistung der Probanden könnte ein zusätzlicher Trainingseffekt sein.

Zu späte Zweifel an der Fahrtauglichkeit

Ein erhöhtes Risiko geht also den Ergebnissen der Studie zufolge von Diabetikern am Steuer nicht generell aus. Zumal bei keinem der Unfälle innerhalb des Zwei-Jahres-Zeitraums ein Zusammenhang mit einer Hypoglykämie genannt wurde. Ein Problem aber hat die Studie aufgedeckt: 18 Prozent der Typ-1-Patienten und 22 Prozent der Typ-2-Diabetiker ziehen ihre Fahrtauglichkeit erst bei einem Blutzuckerwert von 60 mg/dl in Zweifel. Etwa 14 Prozent in beiden Gruppen sogar erst bei 50 mg/dl.

Das gibt zu denken, denn aus Tests am Fahrsimulator ist bekannt, daß die Fahrsicherheit bereits bei Werten zwischen 60 mg/dl und 70 mg/dl nachläßt. Da nicht alle Diabetiker entsprechend geschult sind, könnten Schulungsdefizite eine Ursache solcher Risikofreude sein. Bei anderen Patienten ist diese Schulung vielleicht zu lange her. Hermanns hegt zudem den Verdacht, einige Patienten könnten die Definition "Hypoglykämie beginnt unter 50 mg/dl" mißverstehen als "knapp darüber ist in Ordnung".

Auch haben 40 Prozent der Patienten noch nie mit ihrem Arzt über die Gefährlichkeit von Unterzuckerungen im Straßenverkehr gesprochen. Die Daten belegten, daß das Thema routinemäßig angesprochen werden sollte, so Hermanns zur "Ärzte Zeitung".

Für die Fahrpraxis gilt: Die Patienten müssen im Auto Traubenzucker griffbereit haben und beim geringsten Verdacht auf Unterzuckerung sofort anhalten. Vor allem bei längeren Strecken solle der Blutzucker beim Start mindestens 100 mg/dl betragen, empfiehlt Hermanns. Spätestens alle zwei Stunden ist eine Kontrollmessung fällig, bei Bedarf, etwa wenn noch ein Insulin-Bolus wirkt, auch öfter. Werte unter 70 mg/dl müssen vermieden werden. Auch ein Wert knapp darüber ist ungünstig, denn gerade Blutzuckerverläufe kann kein Patient garantieren, und auch auf Kurzstrecken können Staus den Zeitplan durcheinander bringen.

FAZIT

Eine neue Studie belegt, daß die Unfallhäufigkeit von Diabetikern nicht höher als in der Durchschnittsbevölkerung ist. Ärzte sollten ihre Patienten aber gezielt über das Risiko von Unterzuckerungen bei einer Teilnahme im Straßenverkehr aufklären. Vor allem bei längeren Fahrten sind Glukosewerte über 100 mg/dl anzustreben, und der Blutzucker muß regelmäßig kontrolliert werden. Traubenzucker muß immer griffbereit sein. Bei Verdacht auf eine Hypoglykämie muß die Fahrt sofort unterbrochen werden.

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