Ärzte Zeitung, 15.02.2005

Echsengift bessert Blutzuckereinstellung von Typ 2-Diabetikern

Substanz imitiert Funktion des Darmhormons GLP-1

MÜNCHEN (wst). Das bereits gentechnisch herstellbare Speichelgift einer amerikanischen Krustenechse ist offenbar geeignet, die Insulinsekretion von Typ 2-Diabetikern blutzuckerabhängig anzukurbeln. Dabei imitiert die Substanz die Funktion des humanen Darmhormons GLP-1, das bei Diabetikern nur noch vermindert freigesetzt wird.

Das zu den Inkretinen zählende Glucagon-Like Peptide 1 (GLP-1) ist ein in neuroendokrinen L-Zellen des Darmes gebildetes insulinotropes Hormon, das bei Nahrungsaufnahme in den Blutkreislauf freigesetzt wird. Das hat Professor Burkhard Göke vom Universitätsklinikum München-Großhadern bei einer Presseveranstaltung des Unternehmens Lilly in München berichtet.

GLP-1 stimuliert glukoseabhängig die Insulinsekretion, senkt den Glukagonspiegel und verzögert die Magenentleerung, was einer Überschwemmung des Organismus mit Glukose vorbeugt. Zudem hemmt GLP-1 das Appetit- und Durstgefühl.

Untersuchungen haben ergeben, daß bei Typ 2-Diabetikern bereits früh in der Krankheitsentwicklung und oft schon vor auffälligen Blutzuckerwerten die GLP-1-Freisetzung nachläßt. Dies gilt inzwischen als ein wesentlicher Grund für die verminderte und vor allem verzögerte postprandiale Insulinfreisetzung bei Diabetikern sowie Prädiabetikern.

Ein endogen vermindertes GLP-1 praktikabel durch exogene Therapie mit dem Darmhormon zu ersetzen scheitert allerdings an der extrem kurzen biologischen Halbwertzeit der Substanz von wenigen Minuten. Grund dafür ist vor allem das GLP-1-abbauende körpereigene Enzym Dipeptidylpeptidase IV (DPP IV).

Bei der Analyse des Speichels des sogenannten Gila-Monsters, einer amerikanischen Krustenechse, hätten Wissenschaftler einen Exendin-4 benannten Stoff isoliert, der nahezu die gleiche chemische Struktur wie menschliches GLP-1 habe, so Göke, der maßgeblich an diesen Forschungen beteiligt ist.

Und tatsächlich konnte zunächst experimentell und dann in klinischen Studien belegt werden, daß Exendin-4, das inzwischen unter der Bezeichnung Exenatide gentechnisch hergestellt wird, an menschliche GLP-1-Rezeptoren des Pankreas und anderer Organe bindet. Dabei löst es die gleichen Wirkungen wie GLP-1 aus.

Eine kleine Strukturabweichung des Echsengiftes von GLP-1 macht es jedoch resistent gegen DPP IV und verleiht ihm damit die notwendige Stabilität. Damit werden bereits bei zweimal täglicher subkutaner Injektion ausreichend anhaltende, klinisch relevante Wirkspiegel sichergestellt.

Lilly erwartet die Zulassung für diese neue via Pen applizierbare antidiabetische Option in den USA noch in diesem Jahr. Als realistischer Zulassungstermin für Deutschland wurde das Jahr 2007 genannt.

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