Ärzte Zeitung, 09.03.2006

HINTERGRUND

"Schlechtere Blutzuckerwerte, starrer Lebensstil - das wäre Konsequenz einer Therapie ohne Insulinanaloga"

Von Wolfgang Geissel und Heinz Dieter Rödder

Würden kurzwirksame Insulinanaloga nicht mehr für Typ-2-Diabetiker von der GKV bezahlt, wäre dies für viele Patienten ein Rückschritt. Diese Ansicht haben Diabetologen bei einer kleinen Umfrage der "Ärzte Zeitung" vertreten. Bekanntlich prüft der Gemeinsame Bundesausschuß, ob die kurzwirksamen Analoga für Typ-2- Patienten weiter von den Kassen bezahlt werden sollen.

   
"Analoga ermöglichen den Verzicht auf dickmachende Zwischen-
mahlzeiten."
 
Prof. Reinhard Bretzel
Universität Gießen
   

"Nicht jeder Typ-2-Diabetiker muß ein kurzwirksames Insulinanalogon bekommen", sagt Dr. Eva-Maria Fach: "Es gibt aber Patienten, bei denen die Analoga absolut sinnvoll sind", so die Diabetologin aus Rosenheim und Vorsitzende des Bundesverbands niedergelassener Diabetologen e. V. (BVND).

Nach ihren Angaben zählen dazu Menschen, die unter Normalinsulin häufig Unterzuckerungen haben, Übergewichtige mit hoher Insulinresistenz oder auch Patienten mit wechselnder körperlicher Aktivität in Beruf oder beim Sport.

Welche Vorteile haben kurzwirksame Insulinanaloga für Patienten?

Nach Angaben von Professor Reinhard Bretzel von der Universität Gießen ermöglichen die Präparate den Patienten im Vergleich zu normalem Insulin bei guter Einstellung eine höhere Flexibilität. Denn durch das schnelle Anfluten können Patienten sich ihr Insulin-Präparat direkt vor oder sogar nach dem Essen spritzen.

Wenn die Mahlzeit ausfällt, oder das Essen in einem Restaurant einmal erst nach einer Stunde oder aber sofort kommt, ist das kein Problem. Und weil die Wirkung der Analoga im Vergleich zu Normalinsulin schneller wieder nachläßt, kann auf dickmachende Zwischenmahlzeiten verzichtet werden.

Viele jüngere Typ-2-Diabetiker, die berufstätig sind und auf Reisen gehen, aber auch solche, die beim Essen auf fremde Hilfe angewiesen sind, haben damit eine bessere Lebensqualität, so Bretzel.

   
"Bei Einstellung auf Humaninsulin gibt es einen höheren Schulungsbedarf."
 
Dr. Eva-Maria Fach
Diabetologin aus Rosenheim
   

Viele Typ-2-Diabetiker sind mit Analoginsulinen besser behandelbar, ist auch die Erfahrung von BVND-Vize Dr. Richard Daikeler aus Sinsheim: "Durch die verbesserte Initialwirkung der Präparate sind die postprandialen Blutzuckerwerte besser." Die längere Wirkdauer von Normalinsulin auch nach der Mahlzeit verlängert bei den Patienten das Hungergefühl. Vermehrtes Essen und Gewichtszunahme sind die Folge. Das Risiko für Folgeerkrankungen würde steigen.

"Falls Patienten umgestellt werden müßten, würde das sehr schwierig", sagt der niedergelassene Diabetologe Professor Klaus Kusterer aus Mannheim. Nach Umstellung auf Normalinsulin müßten die Patienten, falls weiter gute postprandiale Werte erreicht werden sollen, unbedingt eine Zwischenmahlzeit einnehmen.

Denn mit dem Normalinsulin brauchten sie so hohe Dosen, daß ohne Mahlzeit nach zwei bis drei Stunden eine Unterzuckerung ausgelöst wird. Die erhöhten postprandialen Werte sind ein unabhängiger Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Man würde also die Patienten gefährden, wenn man sie weniger streng einstellen würde, damit sie keine Zwischenmahlzeiten einnehmen müßten.

Die Diabetologin Fach sieht zudem erhöhten Schulungsbedarf, wenn sie Typ-2-Kranke vermehrt auf Normal-insulin einstellen muß: "Die Einstellung auf herkömmliches Insulin ist schwieriger. Zudem ist das Ziel - Blutzucker postprandial 135 mg/dl - praktisch nicht mehr zu erreichen", so Fach.

Man versuche dann Tricks wie Teilen des Frühstücks in zwei Portionen in halbstündigem Abstand. Fach: "Früher hat man nach dem Insulin gelebt, das man gespritzt hat, heute lebt man und spritzt das Insulin dem Leben angepaßt. Das wäre dann wieder vorbei."

FAZIT

Würde der Gemeinsame Bundesausschuß kurzwirksame Insulinanaloga für Typ-2-Diabetiker aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen ausschließen, wäre dies für viele Patienten ein Rückschritt. Etwa weil alternative Humaninsuline eine längere Wirkdauer haben und bei der Therapie meist Zwischenmahlzeiten nötig sind. Dies könnte zu Gewichtszunahme und einem erhöhten Risiko für Folgekrankheiten führen.

 

STICHWORT

Insulinanaloga

Insulinanaloga sind gentechnisch hergestellte modifizierte Insulinmoleküle. Ziele bei ihrer Entwicklung waren im Vergleich zu Insulin eine einfachere Steuerbarkeit der Therapie mit geringerem Hypoglykämie-Risiko und größerer Flexibiliät beim Essen. Erreicht wurde dies durch verbesserte pharmakokinetische Eigenschaften. Dazu wurden die Insulinmoleküle gezielt modifiziert. Zwei Typen von Insulin-Analoga wurden entwickelt: langwirksame und kurzwirksame. Die langwirksamen Analoga haben im Vergleich zu Insulin verbesserte Resorptionseigenschaften. Dadurch werden sie langsam und gleichmäßig freigesetzt. Es ergibt sich ein glattes Insulin-Profil über Tag und Nacht. Die kurzwirksamen Insulin-Analoga, zu deren Bezahlung durch die Kassen bei Typ-2-Diabetes der Gemeinsame Bundesausschuß jetzt eine Anhörung eingeleitet hat, werden besonders schnell ähnlich der physiologischen Sekretion freigesetzt. Die Wirkung setzt binnen zehn Minuten ein und verliert sich innerhalb von zwei bis fünf Stunden. Die Substanzen wirken damit rasch und kurz. Diese Wirkstoffe können so unmittelbar vor oder nach dem Essen gespritzt werden.

Drei schnell wirksame Insulin-Analoga sind derzeit in Deutschland auf dem Markt: Insulinaspart (Novo Rapid®), Insulin glulisin (Apidra®) und Insulin lispro (Humalog®). Hergestellt werden Insulin-Analoga durch Austausch einzelner Aminosäuren in der Insulin-Polypeptidkette, die 56 Aminosäuren enthält. Die Analoga unterscheiden sich vom körpereigenen Insulin meist nur in ein oder zwei Aminosäuren. So ist beim Insulinaspart einmal die Aminosäure Prolin durch Asparaginsäure ersetzt. Zwei Aminosäuren sind beim Insulin glulisin ausgetauscht: Asparagin gegen Lysin und Lysin gegen Glutaminsäure. Beim Insulin lispro sind die Aminosäuren Lysin und Prolin vertauscht. (Rö)

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