Ärzte Zeitung, 29.09.2006

INTERVIEW

"In der Diabetes-Prävention ist auf lange Sicht die ganze Gesellschaft gefordert"

Aufklärung über Diabetes bei Kindern — das ist ein wichtiger Teil der Kampagne "Changing Diabetes", die von Novo Nordisk unterstützt wird. Die Diabetes-Prävention bei Kindern und Jugendlichen müsse deshalb auch in Deutschland zu einem zentralen Anliegen werden, sagte der Diabetologe Professor Rüdiger Landgraf im Gespräch mit Stefan Käshammer von der "Ärzte Zeitung".

   
 
"Änderungen des Lebensstils sind sehr effizient, aber schwer umsetzbar."
 
Professor Rüdiger Landgraf
Gründer der Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugendliche mit Diabetes
   

Ärzte Zeitung: Herr Professor Landgraf, weltweit und auch in Deutschland erkranken immer mehr Kinder und Jugendliche an Typ-1-Diabetes. Woran liegt das?

Professor Rüdiger Landgraf: Da wir noch nicht genau wissen, wie Typ-1-Diabetes entsteht, können wir bislang auch die Zunahme der Neuerkrankungen nicht erklären. Als Ursachen werden Virusinfektionen diskutiert, aber auch Faktoren wie Ernährung und Umweltschadstoffe sind wahrscheinlich daran beteiligt.

Am wahrscheinlichsten ist, daß mehrere Faktoren bei Risikokindern auf eine genetische Veranlagung treffen. Je mehr dieser Faktoren zusammen kommen, desto eher wird bei Kindern eine Autoimmunreaktion gegen Inselzellen ausgelöst.

Ärzte Zeitung: Welche Präventions-ansätze wurden bisher getestet?

Landgraf: Es gibt viele präventive Ansätze bei Kindern und Jugendlichen, deren Eltern oder Geschwister Typ-1-Diabetes haben. Bei ihnen wurde zum Beispiel versucht, die noch intakten Inselzellen im Pankreas durch eine frühzeitige Insulintherapie zu schützen. Leider ohne Erfolg.

Interessante Studien laufen derzeit an einer Münchner Klinik: Hier wird versucht, bei Säuglingen mit der genetischen Prädisposition durch langes Stillen und anschließende glutenfreie Ernährung über längere Zeit die Autoimmunreaktion zu verhindern. Auch die Therapie mit Antikörpern wird momentan getestet.

Ärzte Zeitung: Durch Überflußernährung und Bewegungsmangel wird auch der Typ-2-Diabetes schon bei jungen Menschen zum Problem. Wie schätzen Sie die Erfolgschancen von Lebensstilveränderungen ein?

Landgraf: Lebensstiländerungen sind extrem effizient und billig, aber schwer umsetzbar. Gerade für junge Menschen fängt es zu Hause, im Kindergarten und in der Schule an: Wir bräuchten Infrastrukturen, die jedem Kind die Chance geben, die notwendigen Lebensstiländerungen umzusetzen, etwa durch regelmäßigen Schulsport oder indem es mit dem Fahrrad zur Schule fährt. Treppensteigen sollte die Regel sein, Liftfahren die Ausnahme. In modernen Wohnanlagen ist leider das Gegenteil der Fall.

Langfristig werden deshalb in der Prävention von Typ-2-Diabetes und anderen Zivilisationskrankheiten nicht nur Ärzte und Eltern, sondern auch Architekten, Stadtplaner und die ganze Gesellschaft gefordert sein.

Professor Rüdiger Landgraf war jahrelang Chef des Diabeteszentrums der Ludwig-Maximilian-Universität München. Seit 2004 ist er Koordinator des Nationalen Aktionsforums Diabetes mellitus.

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