Ärzte Zeitung, 20.11.2007

Diabetiker brauchen Kontrolle - DMP können wohl helfen

Diabetologen sollten ihre Forschung transparenter machen / Datenbank im Aufbau

DÜSSELDORF (iss). Bei der Versorgungsqualität von Diabetikern gab es in den Arztpraxen zumindest vor Einführung des Disease-Management-Programms Diabetes deutliche Mängel. Das zeigt die Analyse der Daten aus der ROSSO-Studie zum Nutzen der Blutzuckerselbstkontrolle.

Die Selbstkontrolle des Blutzuckers ist wichtig zur Beherrschung des Diabetes mellitus.

Foto: imago

"Die Versorgungsqualität gemessen an Prozess- und Ergebnisindikatoren entsprach nicht den Leitlinien", sagte Professor Stephan Marin, ärztlicher Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums auf dem Medica-Kongress. Die Daten stammen von 3268 Patienten mit der Diagnose Diabetes Typ 2 aus den Praxen von 192 Hausärzten und Internisten bundesweit in den Jahren 1995 bis 1999, also vor Einführung des DMP. Ein aus Sicht Martins ernüchterndes Ergebnis der Analyse: "Patienten mit kardiovaskulären Ereignissen weisen eine Unterversorgung von Medikamenten mit nachgewiesener Wirksamkeit auf."

Auch waren nur 70 Prozent der Patienten drei bis vier Mal pro Jahr in die Praxis gekommen. Nur bei der Hälfte der Patienten, bei denen die Diagnose sechs Jahre zurücklag, wurde der HbA1c-Wert drei bis vier Mal jährlich gemessen. Die Quoten waren unabhängig davon, ob die Patienten privat oder gesetzlich krankenversichert waren.

Auch der Blutzuckerwert und die Cholesterinbestimmung seien zu selten dokumentiert worden, berichtete Martin. Da habe das DMP sicherlich große Fortschritte gebracht - zumindest den GKV-Patienten. "Heute wird wahrscheinlich die Versorgung von GKV-Patienten besser sein", sagte er.

Die Daten zeigten, dass die Ärzte mit Checklisten und Reminder-Systeme arbeiten sollten. "Wir brauchen Controlling-Systeme", so Martin. Da die Ärzte freiwillig an der Studie teilgenommen hätten, gab es wahrscheinlich eine eher positive Selektion der Daten, sagte Professor Rüdiger Landgraf vom Nationalen Aktionsforum Diabetes mellitus (NAFDM). "Die Versorgung ist wahrscheinlich noch schlechter, als sie hier dargestellt ist."

Landgraf beklagte, dass die Diabetologen in Deutschland kaum bereit seien, Forschungsvorhaben transparent zu machen.

So habe das NAFDM große Schwierigkeiten, eine Projekt-Datenbank aufzubauen. Zurzeit seien gerade einmal 40 wissenschaftliche Projekte dort eingestellt, von schätzungsweise 1000, die in Frage kämen. Am Aufwand könne die Zurückhaltung der Kollegen nicht liegen, sagte Landgraf. "Man kann das eigentlich gar nicht verstehen."

Ziel der Datenbank sei es, eine Deutschlandkarte zu erstellen, auf der man sich auf einen Blick eine Übersicht verschaffen kann, wo wer zu welchem Thema forscht. "Es soll eine Präsentation unserer Aktivitäten in der Diabetologie in Deutschland werden", erläuterte Landgraf.

DIE STUDIE IN KÜRZE

ROSSO: Retrospective Study Self monitoring of Blood Glucose and Outcome in People with Type 2 Diabetes.

Studie: retrospektive Kohortenstudie mit 3268 Typ-2-Diabetikern aus Deutschland im Alter von 60 bis 64 Jahren. 1479 dieser Patienten (45,3 Prozent) inklusive 32 Prozent nicht insulinpflichtiger Diabetiker begannen eine Blutzuckerselbstmessung.

Zielparameter: kombinierter Endpunkt aus Myokardinfarkt, Schlaganfall, Amputation, Hämodialyse, Erblindung binnen 6,5 Jahren im Schnitt sowie Mortalitätsrate.

Ergebnisse: Neun Prozent der Patienten in der Selbstmess-Gruppe und 13 Prozent in der Gruppe ohne Selbstmessung erreichten den kombinierten Studienendpunkt. Dieser Unterschied ist signifikant

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