Ärzte Zeitung, 21.11.2007

HINTERGRUND

Mit spezieller Schulung können viele alte Menschen eine Insulintherapie bewältigen

Von Helga Brettschneider

Einer alten Frau mit Diabetes wird Blutzuckermessen gezeigt.

Foto: AOK-Mediendienst

Typ-2-Diabetes trifft bekanntlich bevorzugt alte Menschen. Jeder vierte 75- bis 80-Jährige hat zu hohe Blutzuckerwerte, und die Therapie führt bei ihnen oft zu Problemen. Diabetiker sollen zum großen Teil ihre Behandlung selbst vornehmen. Körperliche und geistige Einschränkungen stehen dem aber oft entgegen.

Ob ein alter Mensch zum Beispiel eine Insulintherapie noch selbst vornehmen kann, müssen Ärzte erst einmal herausfinden, hat Dr. Andrej Zeyfang aus Stuttgart beim Medica-Kongress betont. Damit ein Patient noch mit einem Insulin-Pen umgehen kann, braucht er drei Fähigkeiten:

  • Er muss zählen können, um die richtige Insulindosis einzustellen.
  • Er muss gut sehen können, um Dosisangaben auf dem Pen zu lesen.
  • Etwas zittern darf er - so lange die Injektion trotzdem ohne zu starkes Herumwackeln gelingt.

Diese Fähigkeiten lassen sich etwa mit dem Geldzähl-Test prüfen, wie Zeyfang in einer Studie belegt hat. Die Fähigkeiten der Patienten müssen auch bei der Wahl der richtigen Insulintherapie beachtet werden. Zwar gibt es fitte 80-Jährige, die auch die komplizierte intensivierte Insulintherapie locker bewältigen. Dafür müssen sie aber den Kohlenhydrat-Gehalt jeder Mahlzeit berechnen. Solche Berechnungen überfordern viele alte Menschen, so Dr. Alexander Friedl vom Stuttgarter Bürgerhospital zur "Ärzte Zeitung". "Wir geben dann oft ein einfacheres Insulinschema, das sie noch schaffen können."

So kann einmal täglich eine feste Dosis Verzögerungsinsulin injiziert werden, das einen halben Tag lang wirkt. Oder morgens und abends eine feste Dosis Mischinsulin. Es enthält Verzögerungsinsulin und ein schnell wirkendes Insulin für die nach dem Spritzen gegessenen Kohlenhydrate.

Beide Therapien funktionieren aber nur, wenn der Patient feste Essenszeiten und -mengen einhält, die zur Wirkung des Insulins passen. Lässt er Mahlzeiten aus, kann er unterzuckern. Bei vergesslichen Patienten kann deshalb schnelles Insulin zu den Mahlzeiten sinnvoll sein. Das Berechnen von Kohlenhydraten und Insulindosis sowie bei Bedarf auch die Injektion übernehmen dann Angehörige oder Pflegekräfte.

"Ich stelle die Blutzuckerwerte auch bei einem alten Menschen so gut ein, wie es ohne Unterzuckerungen möglich ist", sagt Friedl. Denn zu hohe Werte mindern die Lebensqualität: Sie können zu Müdigkeit und geistigem Abbau führen sowie zu steigender Urinproduktion und in der Folge zu Harninkontinenz und Austrocknung.

Strukturierte Schulung für alte Menschen

Damit Senioren mit Diabetes gut zurechtkommen, wurde für sie das "strukturierte Schulungsprogramm für geriatrische Diabetiker" (SGS) entwickelt. SGS beschränkt sich auf das erforderliche Basiswissen, so Dr. Anke Braun vom Heidelberger Bethanien-Krankenhaus. In sieben Einzelstunden gibt es praktische Übungen. Patienten trainieren das Spritzen von Insulin und das Blutzuckermessen und sie lernen, Unterzuckerungen mit Traubenzucker zu vermeiden.

Das komplizierte Berechnen von Kohlenhydraten und Insulindosis entfällt. Denn alte Menschen haben oft feste Essgewohnheiten, so dass die Diabetologin für sie einen persönlichen Kostplan mit der passenden Insulindosis erarbeiten kann. Ein Patient muss also nur noch wissen, welche Nahrungsmittel Kohlenhydrate enthalten, so Braun. Dann wird sein Essen auch nicht langweilig: In einer kleinen Liste kann er nachsehen, gegen wieviel Löffel Reis oder Nudeln er seine normale Portion Kartoffeln austauschen kann.

Am besten ist Prävention mit Bewegung und gesunder Kost

Am besten wäre es natürlich, Diabetes gar nicht erst entstehen zu lassen. Damit käme man auch Folgeschäden der Krankheit zuvor. Dafür müssen Menschen mit hohem Diabetesrisiko aber früh erkannt werden. So lässt sich mit speziellen Fragebögen das Risiko berechnen, aus Angaben zu Alter, Bewegungsumfang, Gewicht und Familienanamnese. Vorbeugung von Diabetes ist möglich.

Mit Bewegung und gesunder Ernährung konnten etwa Teilnehmer einer finnischen Studie ihr Diabetesrisiko in vier Jahren um 58 Prozent senken.

STICHWORT

Geldzähl-Test

Zum Geldzähl-Test gehört eine mit Druckknopf verschlossene Geldbörse. Sie enthält einen Fünf-Euro-Schein und Münzen zu einem Euro, zwei Euro, 50 Cent und zehn Cent - insgesamt 9,80 Euro. Der Patient soll die Börse öffnen (Feinmotorik) und das Geld zählen (Augen, geistige Leistungsfähigkeit, Feinmotorik). Braucht er bis zum Ergebnis länger als 70 Sekunden, besteht ein erhebliches Risiko für Hilfsbedürftigkeit. (hbr)

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