Ärzte Zeitung online, 30.04.2008

Hausärzte versorgen Schwerkranke und stehen unter Zeitdruck

MÜNCHEN (dpa). Hausärzte in Deutschland müssen bei 60 Prozent ihrer Patienten drei oder mehr meist chronische Krankheiten gleichzeitig behandeln. Dabei stehen sie unter großem Zeitdruck.

Besonders hoch ist diese Multimorbidität bei älteren Patienten: Mehr als vier Diagnosen gleichzeitig seien bei über 65 Jahre alten Patienten der Regelfall. Das geht aus den Ergebnissen der Studiengruppe DETECT hervor, die eigenen Angaben zufolge die weltweit größte klinische Verlaufsstudie mit 55 000 Patienten aus 3000 Hausarztpraxen vorgenommen hat.

"Der Hausarzt versorgt schwer erkrankte und viele ältere Patienten. Doch so lange er nur wenige Minuten pro Patient zur Verfügung hat, stellt sich die Frage: Wie soll das funktionieren?", sagte Studienleiter Professor Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden in München.

Die auf fünf Jahre angelegte Studie befasste sich mit Versorgung und Verlauf der häufigen Volkskrankheiten Diabetes mellitus, koronare Herzkrankheiten, Hypertonie und Depression. Auch Zusammenhänge zwischen den Krankheiten wurden untersucht. Es habe sich gezeigt, dass es offensichtlich vielfache kausale Beziehungen zwischen der Depression und anderen Erkrankungen wie Diabetes, Schlaganfall oder Herzerkrankungen gebe, so Wittchen bei einer Veranstaltung am Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Depressionen in diesem Zusammenhang könnten die Therapie erschweren und ein entscheidender Faktor bei Sterberate und Komplikationen sein. Umgekehrt ist der Studie zufolge auch das Risiko für depressive Patienten höher, eine weitere Krankheit zu erleiden: "Depressive Patienten haben eine zwei- bis dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln", sagte Professor Andreas Michael Zeiher aus Frankfurt am Main.

Depression sei die vierthäufigste Erkrankung, die von Hausärzten diagnostiziert werde, sagte Wittchen. Trotzdem gebe es eine hohe Dunkelziffer: Tatsächlich diagnostiziert und behandelt würden weniger als 50 Prozent der Betroffenen.

Prävention und Therapie von Patienten mit koronarer Herzerkrankung sei in Deutschland "eigentlich eine Erfolgsstory", sagte Zeiher. Die Lebenserwartung sei deshalb gestiegen, in der Folge nehme aber auch das Risiko weiterer altersbedingter Herzerkrankungen zu. Bei den Untersuchungen sei jedoch festgestellt worden, dass nur jeder zweite Patient mit Bluthochdruck eine "adäquate Therapie zur Blutdrucksenkung" erhalte. Solche Hochrisiko-Konstellationen würden deshalb nicht ausreichend intensiv behandelt.

Die Daten der Studie, die im September 2003 startete, wurden in ausführlichen Patientenbefragungen, ärztlichen Informationen und Laborprogrammen gewonnen.

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