Ärzte Zeitung, 15.07.2008

HINTERGRUND

Die richtige Ernährung hält Gestationsdiabetes in Schach

Von Simone Reisdorf

Blutzuckermessung. Ist der Stoffwechsel der Patientin gut eingestellt?

Foto: DAK

Schwangere mit Gestationsdiabetes sind häufiger, als man denkt. Mit der richtigen Ernährung können solche Frauen viel für sich und ihr ungeborenes Kind tun. Für manche ist sogar Abnehmen angesagt - allerdings gibt es dabei einiges zu beachten.

Fünf bis zehn Prozent aller Schwangeren bekommen einen Ge-stationsdiabetes. Davon gehen Dr. Ulrike Amann-Gassner und Professor Hans Hauner vom Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin der TU München aus. Nur ein Bruchteil werde jedoch diagnostiziert (DMW 133, 2008, 893).

Bei Gestationsdiabetes mehr Geburtskomplikationen

Ein Gestationsdiabetes liegt vor, wenn während einer Schwangerschaft ein Diabetes erstmals auftritt oder diagnostiziert wird. Oft, aber nicht immer endet die Stoffwechselstörung mit der Geburt. Sie erhöht aber die Rate an Geburtskomplikationen: Vor allem Sectio oder Schulterdystokie aufgrund einer Makrosomie, Fehlbildungen und intrauteriner Fruchttod sowie Hypertonie und (Prä-) Eklampsie der Mutter sind häufige Folgen. Dieselben Probleme könne auch ein bereits präkonzeptionell bestehender Diabetes verursachen, so die Diabetes-Experten.

Nach den Mutterschaftsrichtlinien wird bisher bei allen Schwangeren lediglich ein Screening auf Glukosurie vorgenommen. Eine Schwangerschaftsglukosurie müsse immer abgeklärt werden, sei aber als Screening-Parameter unzureichend, so die Autoren. Sie fordern generell einen oralen Glukosetoleranztest (oGTT) in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche (SSW).

Die GKV bezahlt bisher nur Risikoschwangeren den Test, also Frauen mit Übergewicht oder Adipositas, Alter über 35 Jahren, familiärer Disposition für Typ-2-Diabetes, nach vorheriger Fehl- oder Totgeburt sowie nach Geburt eines Kindes mit mindestens 4500 Gramm Geburtsgewicht oder mit Fehlbildungen. Bei diesen Frauen würden Hauner und Amann-Gassner schon gegen Ende des ersten Trimenons einen oGTT machen; falls dieser negativ ist, nochmals in der 24. bis 28. und in der 32. bis 34. SSW.

Grenzwert für den oGTT beträgt nüchtern 95 mg/dl

Als Grenzwerte für den oGTT gelten bei Schwangeren nüchtern 95 mg/dl, nach einer Stunde 180 mg/dl und nach zwei Stunden 155 mg/dl. Werden mindestens zwei dieser Werte erreicht oder überschritten, ist der Ge-stationsdiabetes bestätigt. Ist nur ein Wert übertroffen, besteht eine gestörte Glukosetoleranz.

Die therapeutischen Konsequenzen sind die gleichen, und sie gelten auch für Schwangere mit vorbestehendem Diabetes: "Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft empfiehlt, die kapillären Blutzuckerwerte nüchtern und präprandial auf unter 90 mg/dl, eine Stunde nach Beginn einer Mahlzeit auf unter 140 mg/dl und zwei Stunden nach Beginn einer Mahlzeit auf unter 120 mg/dl einzustellen", so die Kollegen. "Bei Insulintherapie sollten die Werte allerdings 60 mg/dl nicht unterschreiten." Eine mehrmals tägliche Blutzuckerselbstkontrolle sei also notwendig.

Die wichtigste und in 90 Prozent der Fälle einzig notwendige Maßnahme zur Blutzuckereinstellung bei Gestationsdiabetes ist die Ernährungstherapie. Deren Ziele sollten auch in Abhängigkeit vom Ausgangsgewicht der Mutter definiert werden. So habe eine Kohortenstudie an mehr als 120 000 Schwangeren in den USA gezeigt, dass bei einem Ausgangs-BMI zwischen 30 und 34,9 kg/m² eine Gewichtszunahme von 4,5 bis 11,5 kg das niedrigste Komplikationsrisiko mit sich brachte. Bei einem Ausgangs-BMI von 35 bis 39,9 seien 0 bis 4,5 kg Zunahme am günstigsten gewesen und bei einem BMI ab 40 kg/m² sogar ein Gewichtsverlust von bis zu 4,5 kg.

Andere Studien hätten allerdings gezeigt, dass die Nahrung nicht zu drastisch reduziert werden sollte: Bei weniger als 1500 kcal Energiezufuhr täglich oder einer Reduktion um 50 Prozent könnte Ketonkörperbildung die mentale Entwicklung des Föten beeinträchtigen. Eine moderate Kalorienrestriktion auf 1600 bis 1800 kcal/d oder um 33 Prozent führt dagegen nicht zu einer Ketonkörperbildung, zeigt aber günstige Effekte auf Gewichtszunahme und Glukosespiegel. Dies könne durch Lebensmittel mit niedriger Energiedichte erreicht werden, also mit wenig Fett, viel Wasser und Ballaststoffen in der Nahrung, so die Diabetes-Experten.

Amann-Gassner und Hauner schlagen eine Zusammensetzung aus 40 bis 45 Prozent Kohlenhydraten (KH), 30 bis 35 Prozent (möglichst ungesättigten) Fetten und maximal 20 Prozent Proteinen vor. Weniger als 175 Gramm Kohlenhydrate (15 Broteinheiten) pro Tag sollten es aber nicht sein. "Diese sollten auf drei nicht zu große Hauptmahlzeiten und zwei bis drei Snacks verteilt werden", so die Autoren. Den höchsten KH-Anteil solle das Mittagessen haben; ein KH-haltiger Snack am späten Abend könne wiederum Ketonkörperbildung vermeiden. Und: "Je höher der Kohlenhydrat-Anteil, desto günstiger könnten sich Lebensmittel mit niedrigem glykämischem Index und hohem Ballaststoffanteil auswirken."

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